In der aktuellen EMMA

Die schräge Emma

Foto: ZUMA Press/imago images
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Was ist falsch an mir?“, fragt die Fernsehmoderatorin Katherine Newbury. „Du bist ein bisschen alt und ein bisschen weiß!“ lautet die Antwort ihrer jungen schwarzen Kollegin. Das ist eine Szene in dem Film „Late Night“. Darin geht es um MeToo, Werte, um Political Correctness und Frauen, die gerne einen Migra­tionshintergrund, aber bitte keine Falten und Kanten haben dürfen.

Emma Thompson brilliert darin, weil sie Falten hat und Kante zeigen darf. Vor der Kamera wie dahinter. Die Drehbücher, die die Schauspielerin selbst schreibt, strotzen vor starken, autonomen Frauen. Ihre „Nanny McPhee“ ist so eine. Sie zele­briert es geradezu lustvoll, hässlich und schrullig zu sein. Als Anna Quangel in Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ (2016) oder als Familienrichterin in „Kindeswohl“ (2017) zeigt Thompson Tiefgang. Und als schrullige Professorin Trelawney wird sie in den „Harry Potter“-Filmen vom jungen Publikum verehrt.

Immer, wenn die Britin in Hollywood in Erscheinung tritt, holt sie die Keule raus: „Mehr Filme von Regisseurinnen!“ – „Vernünftige Rollen für ältere Frauen!“ – „Gute Drehbücher über Frauenleben!“ Und: „Was ist das für eine beschissene Frage?“ fragt sie nonchalant, wenn sie eine Frage beschissen findet. Als sich Hugh Grant in einer Talkshow über die Leidenschaft, die zur Schauspielerei gehöre, ausließ, fügte sie lakonisch hinzu: „Und vergiss nicht die ganze Kohle, die du damit verdienst!“

Emma Thompson war eine der ersten Schauspielerinnen, die MeToo ins Rollen gebracht haben und sie sorgt dafür, dass keine Ruhe einkehrt. Anfang des Jahres sagte Thompson mitten in der Produktion eine Rolle öffentlichkeitswirksam ab, um Front gegen Oscar-Preisträger John Lasseter zu machen. Dem ehemaligen Pixar-Chef hatten dutzende Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen.

„Ich bin eine radikale Feministin. Und alle Frauen, die es nicht sind, haben grundsätzlich was falsch verstanden!“, verkündet die 60-Jährige gerne.

Und Pazifistin ist sie auch noch. Als Thompson gegen den ersten Golfkrieg protestierte, wurde sie in der britischen Presse als „Saddam Husseins beste Freundin“ verunglimpft. Heute kämpft sie gegen den Brexit und für den Klimaschutz. Auf einer Demo gegen Fracking wurde sie von einem wütenden Traktorfahrer mit Gülle bespritzt. Emma nahm es locker: „Shit happens“.

Woher hat Emma das? Von den Eltern. Ebenfalls berühmte SchauspielerInnen. Emma beschreibt ihre Kindheit als „lebendig und liebevoll“: „In unserem Haus wurde viel gelacht“. Und protestiert. In ihrer Londoner Mädchenschule marschiert Emma bei Anti-Atomwaffen-Protesten voran und unterstützt die Streiks der Bergleute. Und in Cambridge, am Newnham College, wird die Anglistik-Studentin zur Feministin. Sie schneidet sich die Haare raspelkurz, färbt sie rot, fährt Motorrad.

Cambridge ist auch der Ort, an dem ihr Schauspieltalent offensichtlich wird: Alternativtheater, Stand-Up-Comedy, politisches Kabarett. „Sie wird berühmt werden. Das spürte jeder, der mit Emma zu tun hatte“, erzählt ihr bester Freund und Englands „Nationalschatz“ Stephen Fry heute. „Wenn sie lacht, geht die Sonne auf.“ Thompson und Fry (Hugh Laurie ist der dritte im Bunde) gehörten zu den Cambridge Footlights, der Comedy-Truppe des Colleges – dem Brutkasten für Großbritanniens KomikerInnen. Sie alle wurden berühmt, Emma Thompson als erste Frau.

Und bis heute ist Thompson weltweit die einzige Frau, die sowohl einen Oscar für die beste weibliche Hauptrolle („Wiedersehen in Howards End“ 1992) als auch für das beste Drehbuch („Sinn und Sinnlichkeit“ 1995) erhielt.

1986 lernt Emma den Regisseur Kenneth Branagh kennen. „Em und Bren“ drehen als das „Traumpaar des britischen Films“ elf Filme zusammen. In dieser Zeit vergisst Emma Thompson die Feministin in sich, spricht von „Kenneth als Mann, der ein Licht in mir angezündet hat“ und lässt sich nackt fotografieren. 1995 war der Traum aus­geträumt, Branagh hatte seine Frau mit Helena Bonham Carter betrogen.

Als betrogene Ehefrau sprach Emma Thompson vielen Frauen in der Weihnachtskomödie „Tatsächlich ... Liebe“ aus dem Herzen. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, eine Halskette zu finden, die für jemand anderen bestimmt ist“, sagte sie.

Aber: „Sinn und Sinnlichkeit“ brachte Thompson nicht nur den Oscar, sondern auch eine neue Liebe, den sieben Jahre jüngeren Schauspieler Greg Wise. 1999 wird Tochter Gaia geboren, da ist Thompson 40. Und 2001 fällt Tindyebwa Agaba in ihr Leben. Thompson hatte sich im Ausland für die Aidshilfe engagiert, über die der Junge nach Großbritannien kam. Sein Vater war an Aids gestorben, die Familie wurde verschleppt, er selbst zum Kindersoldaten gemacht. Das Ehepaar entschließt sich dazu, den 16-jährigen Jungen zu adoptieren. Da ist Tochter Gaia fast drei Jahre alt. Es sei kein Mitleid gewesen, warum sie „Tindy“ adoptiert hätte, sondern „das Gefühl, das Richtige zu tun“, sagt Thompson heute. Inzwischen hat Tindy einen Jura-Hochschul­abschluss für Menschenrechte und engagiert sich für die Aidshilfe in Afrika.

Die Mutter ist zufrieden: „Meine Kinder sollen sich nicht mit Mode und anderen Oberflächlichkeiten aufhalten.“ Mit Tochter Gaia, einer Umweltaktivistin, machte sie 2015 eine Reise auf einem Greenpeace-Schiff in die Arktis, um auf den Klima­wandel aufmerksam zu machen.

Mit der Tatsache, dass sie 60 ist, hat Emma übrigens kein Problem: „Wechseljahre vorbei: Hurra! Kinder erwachsen: Tschüss! Es ist großartig, in diesem Alter zu sein“, sagt sie anlässlich ihres Geburtstages im April 2019. Und sie reagiert kühl, wenn ihr jemand das Kompliment macht, „gar nicht wie 60 auszusehen“: „Ich habe heute eine Weisheit, die ich früher nicht hatte, das darf man ruhig sehen!“

Thompson lebt in West Hampstead in London noch immer in derselben Straße, in der sie auf­gewachsen ist. Ihre Mutter wohnt gleich nebenan. Auch die Großeltern wohnten schon dort. Ihre Schwester Sophie, auch Schauspielerin, wohnt nur einen Kilometer entfernt. Auf ihrem Landsitz in Schottland ist Emma am liebsten in den Shorts ihres Mannes unterwegs, auf vielen Fotos sieht man sie ohne Make-Up. Als sie von der Queen im vergangenen Jahr zur „Dame“, der höchsten Ehre für eine Bürgerin des Vereinigten Königreichs, ernannt wurde, erschien sie im Hosenanzug mit weißen Turnschuhen. Ihr trockener Kommentar: „High Heels bringen Frauen nur vom Weg ab.“ Emma hält Spur.

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