Prozess: Wie eine zweite Vergewaltigung

Foto: Michael Donnerhak/ZDF
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"Die Gerichtsverhandlung war wie eine zweite Vergewaltigung, ich glaube, sogar schlimmer. In der Schule hat man uns beigebracht, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Deshalb hätte ich nie geglaubt, dass in unserem Land so etwas möglich ist.“

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Eine 20-jährige Frau, die null Vertrauen mehr in unseren Rechtsstaat hat, wie kann das sein? Als Charlotte 14 war, wurde sie nach einer Party vergewaltigt. Ihre Mutter arbeitet in einer Beratungsstelle. Sie wusste, was eine Anzeige bedeuten würde. Befragungen, Ausbreiten intimer Details: Wo genau hatte der Täter sie berührt, wie tief war er in sie eingedrungen, war sie zum Zeitpunkt der Tat noch Jungfrau? Die 14-Jährige schämte sich und beschloss zu schweigen. Doch der Täter hatte nicht nur vergewaltigt. Er hatte auch geklaut. Eine Freundin ging zur Polizei, zeigte den Diebstahl an und erzählte bei dieser Gelegenheit auch von Charlottes Vergewaltigung. Nun war das Ganze zum Offizialdelikt geworden und musste von Staats wegen verfolgt werden.

Ist das Mädchen überhaupt glaubwürdig?

Die erste Amtshandlung der Richterin: Sie beantragt ein Gutachten. Ist Charlotte überhaupt glaubwürdig? Hatte sie sich die Vergewaltigung nicht nur ausgedacht? Stundenlang musste Charlotte sich nun einer Befragung stellen. Was war genau passiert? Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Wie war es zu der Tat gekommen? Die Gutachterin befand, Charlotte sei absolut glaubwürdig. Damit hätte es zügig zum Prozess kommen können, doch wieder zog sich das Ganze hin: Mal war die Gutachterin krank, mal die Richterin. Dicke Akten mussten hin- und hergeschickt ­werden, denn Digitalisierung ist in deutschen Gerichten immer noch ein Fremdwort. Erst dreieinhalb Jahre nach der Vergewaltigung kam es zum Prozess.

Charlotte hatte Angst, dem Täter vor Gericht erneut zu begegnen. Es beruhigte sie, dass man ihr eine Videovernehmung zugesichert hatte. Aber: Das Amtsgericht Leverkusen, wo der Prozess stattfindet, ist dafür nicht ausgestattet. Das entsprechende Equipment hätte man aus Köln herbeischaffen müssen. Doch das wurde vergessen.

Und so passiert genau das, was das Opfer nicht wollte: Es sitzt im Gerichtssaal dem Täter gegenüber, der Charlotte – so erinnert sie sich wütend – auch noch höhnisch angrinst und dem die Richterin nicht Einhalt gebietet.

Charlotte ist allein im Gerichtssaal: Eltern und Freunde dürfen sie nicht begleiten, auch nicht auf der Zuschauerbank Platz nehmen, denn sie könnten, so die Richterin, möglicherweise als Zeugen vernommen werden. Dafür sitzen die Freunde des Täters geschlossen auf der Zuschauerbank und sparen nicht mit abfälligen Kommentaren über „die Schlampe“.

Der Täter grinste
sie nur höhnisch an

Nach der langen Zeit kann sich Charlotte an einige Details nicht mehr erinnern. „Ich musste erklären, warum ich mich nicht an die Farbe meiner Unterwäsche erinnere, die ich vor drei Jahren anhatte“, erzählt sie. Sie empfindet den Umgang mit ihr wie auch den gesamten Prozess als tiefe Demütigung. „Der Täter war polizeibekannt und hatte schon viele Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs. Und ich musste mich dafür rechtfertigen, dass ich mich nicht genug gewehrt habe. Man wird als Opfer hingestellt, als sei man der Täter. So ungerecht behandelt gefühlt habe ich mich noch nie in meinem Leben.“ Der Angeklagte wird freigesprochen.

Nach dem Prozess geht es Charlotte so schlecht, dass sie eine Traumatherapie beginnt. Ruth Reimann, Direktorin des Amtsgerichts, räumt auf Nachfrage ein, dass es in dem Verfahren „Versäumnisse“ gegeben habe, allerdings meint sie damit die drei Jahre Wartezeit. Das Gutachten sei mit Verzögerung erstellt worden, Krankheiten hätten den Prozessbeginn weiter verzögert. Es sei „immer unbefriedigend, wenn Straftaten nicht zeitnah abgeurteilt werden können“.

Ob sie ihrer Tochter raten würde, im Fall einer Vergewaltigung vor Gericht zu gehen? Natürlich! sagt die Juristin. Man muss sich doch wehren.

Aber kann man das überhaupt? 

Rita Knobel-Ulrich (die für das ZDF die Doku "Im Namen des Volkes - Justiz vor dem Kollaps" gemacht hat, berichtet in EMMA von weiteren Fällen, die das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttern.
 

 

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Falschaussage - Anklage statt Hilfe

Foto: Benjamin Rasmussen/Getty Images
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„Hier kommt Hilfe“, sagt Maries Pflegemutter Judith, als die Polizei eintrifft. Dieser Satz wird sich als katastrophal falsch erweisen. In den folgenden Stunden wird die 18-Jährige, die unter Schock steht und am liebsten im Schutz ihrer Decke bleiben würde, keinen Moment Ruhe bekommen.

Erste Vernehmung durch den diensthabenden Officer. Was ist passiert? Ein maskierter Mann stand mitten in der Nacht plötzlich an ihrem Bett, verband Marie die Augen und fesselte sie. Womit hat er Sie gefesselt? Wo kam die Augenbinde her? Hat er sie auch anal vergewaltigt? Wie lang dauerte das? Wie konnten Sie mit verbundenen Augen erkennen, dass er Sie fotografiert hat? Nachdem Marie das alles beantwortet hat, treffen die Hauptermittler ein. Alles nochmal von vorne. Dann das Krankenhaus. Ausziehen, Abstriche, Fotos. Nächste Vernehmung im Büro von Detective Parker, dem Hauptermittler. Und schließlich, als Marie völlig erschöpft endlich nach Hause gehen will, soll sie ihre Aussage noch einmal aufschreiben.

Schon jetzt, nach diesen ersten beklemmenden Szenen, begreifen die ZuschauerInnen, was für eine Tortur ein Vergewaltigungsopfer durchlaufen muss – und warum so viele vor einer Anzeige zurückschrecken. Aber es kommt schlimmer, viel schlimmer.

Marie verheddert sich, verwechselt in der zigsten Version Details. Schließlich wird sie von Detective Parker beschuldigt, die Vergewaltigung erfunden zu haben.

Marie, die als Kind schwer vernachlässigt und von den Liebhabern ihrer Mutter mehrfach missbraucht worden war, hat ihr Leben in unzähligen Pflegefamilien verbracht. Ihre Überlebensstrategie: Wenn Erwachsene wütend werden, gib ihnen besser Recht. Und so „gesteht“ Marie unter dem Druck der Befragungen, was nicht stimmt: Dass sie die Vergewaltigung erfunden habe. Sie wird angeklagt wegen Falschaussage.

Und während Maries Leben Stück für Stück zerbricht, schlägt der Täter in anderen Städten weiter zu. Bis er endlich auf die Polizistinnen Karen Duvall und Grace Rasmussen stößt. Die sind behutsam mit den Opfern, sie ermitteln akribisch, sie wollen den Kerl kriegen. Und sie kriegen ihn. Am Ende finden sich auf der Speicherkarte seiner Kamera die Fotos seiner Opfer. Eine der Frauen auf den Bildern aber kennen die Polizistinnen nicht. Es ist Marie.

„Unbelievable“ heißt die achtteilige Miniserie, die seit September auf Netflix zu sehen ist. Unglaublich. Unglaublich ist, dass niemand Marie geglaubt hat. Und unglaublich ist auch, wie oft Frauen wie Marie nicht als Opfer behandelt werden, sondern als Täterin.

Maries Geschichte hat sich exakt so zugetragen. Dass sie bekannt wurde, ist zwei engagierten Journalisten zu verdanken. Der eine, T. Christian Miller, hatte in Denver von der Ergreifung des Serienvergewaltigers Marc O’Leary gehört, die der Arbeit zweier Polizistinnen zu verdanken war. Sie heißen im wahren Leben Stacy Galbraith und Edna Hendershot. Der andere, Ken Armstrong, erfuhr in Seattle von dem Fall des Vergewaltigungsopfers Marie Adler, das die Polizei fälschlicherweise der Falschaussage bezichtigt hatte. Die beiden taten sich zusammen und veröffentlichten im Dezember 2015 die Reportage „An Unbelievable Story of Rape“. Sie wurde mit dem Pulitzer-­Preis ausgezeichnet.

Miller und Armstrong wollten dabei nicht nur den ungeheuerlichen Einzelfall erzählen, sondern „den Wurzeln jener Skepsis nachspüren, mit der Vergewaltigungsopfer häufig konfrontiert sind“, schreiben sie in ihrem Buch „Falschaussage“, in dem sie die Geschichte noch einmal detailliert erzählen. „Wir wollten Maries Fall in einen internationalen Kontext setzen und zeigen, dass nicht nur sie, sondern viele Opfer Ähnliches erdulden mussten.“

Und das gilt nicht nur für das Land, in dem der amtierende Präsident selbst sexueller Übergriffe beschuldigt wird (wie übrigens auch Bill Clinton seinerzeit). Auch in Deutschland ist die viel­beschworene „Unschuldsvermutung“ längst zu einer Schuldvermutung für das Opfer geworden, das eine Vergewaltigung anzeigt. Opferschutz­organisationen vermelden besorgt, dass immer mehr Opfer vor einer Anzeige zurückschrecken – aus Angst vor den Mühlen, in die sie geraten. Daran hat auch #MeToo nur wenig geändert.

Deshalb ist „Unbelievable“ nicht nur eine filmisch großartig gemachte Serie, sondern auch ein Politikum. Genau so sieht das auch die engagierte Frauentruppe, die die Story auf den Bildschirm gebracht hat: Produzentin und Drehbuchautorin Susannah Grant („Erin Brokovich“), Regisseurin Lisa Cholodenko („The Kids are All Right“) sowie die Schauspielerinnen Toni Colette und Merritt Wever als Polizistinnen und Kaitlyn Dever als Marie. „In der Serie geht es um die große Frage, warum es in unserer Gesellschaft so verbreitet ist, Opfern sexueller Gewalt nicht zu glauben“, sagt Susannah Grant.

Die echte Marie Adler arbeitet heute als Kraftfahrerin. Sie hat den LKW-Führerschein gemacht, nachdem Stacy Galbraith sie angerufen und ihr von der Verhaftung des Täters berichtet hatte. „Ihr“, sagt Marie, „verdanke ich es, dass ich weiterleben konnte.“

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T. Christian Miller + Ken Armstrong: Falschaussage (btb, 12 €) – „Unbelie­vable“ (synchro­nisiert oder mit deutschen Unter­titeln) auf Netflix

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