Kriegerische Männer – friedfertige Frauen?

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Als ich 1978 als erster Mensch in Deutschland in EMMA den uneingeschränkten Zugang von Frauen zur Bundeswehr forderte, da war das Geschrei groß. Von rechts bis links. Weite Teile der Frauenbewegung distanzierten sich im Namen einer „natürlichen Friedfertigkeit der Frau“. Linke verpassten mir den Spitznamen „Flintenweib“. Elfriede Hoffmann, ihres Zeichens Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF), erklärte im Namen ihrer Genossinnen, sie sei gegen Frauen im Militär, denn „eine Erziehung zum Frieden ist mit der Waffe in der Hand nicht möglich“. Sogar die erste Dame der FDP, ­Liselotte Funcke, ließ verlauten: „Frauen, die bestimmt sind, Leben zu geben, dürfen nicht zum Töten gezwungen sein.“ Und Franz Josef Strauß (CSU) verkündete: Er fände es angemessener, „durch eine moralische und materiell aktivere Familienpolitik für eine breite Bevöl­kerungsgrundlage zu sorgen“.

Doch: „Hinter dem Ausschluss von Frauen vom Waffendienst steckt kein Pazifismus, sondern Sexismus“, schrieb ich zwei Jahre und viele Debatten später.

Schnee von gestern im Jahr 2018? Denn schließlich ist inzwischen nicht nur der Oberste Befehlshaber der Armee, der Kanzler, eine Frau, sondern müssen die SoldatInnen auch vor einer Verteidigungsministerin strammstehen (die allerdings im Internet gern als „Flinten-Uschi“ bezeichnet wird). Doch: Mit zweierlei Maß wird immer noch gemessen.

Das zeigte im Frühling 2017 mal wieder die Kampagne um die Verteidigungsministerin. Sicher, es war auch das übliche Wahlkampfgerassel, das Politikerinnen wie Politiker trifft, unabhängig vom Geschlecht. Aber da schwang doch immer noch ein anderer, ein sexistischer Ton mit. Als „Eisprinzessin“ bezeichnete der Spiegel die Verteidigungsministerin. Eine „Führungsschwäche“ nannte es die Welt, dass von der Leyen nicht energisch genug durchgegriffen habe bei den rechten Umtrieben in ihrem Laden. Ausgerechnet sie.

Auch die gern als „Mutti“ titulierte Kanzlerin hatte – noch bevor sie als Schöpferin der „Willkommenskultur“ ­zunächst bejubelt und sodann verdammt wurde – bei einer gesamt durchaus einfühlsamen Begegnung mit einem Flüchtlingsmädchen im Sommer 2015 in den Augen der Medien die Erwartungen an eine echte Frau enttäuscht. Sie wurde prompt als die Kanzlerin mit dem „kalten Herz“ geschmäht – und später als die naive „Königin der Herzen“ verlacht. Und das durchaus nicht selten von ein und demselben Kommentator.

Denn merke: Wenn ein Mann und eine Frau das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.

Was bei einem Mann als durchsetzungsfähig gilt, ist bei einer Frau eiskalt. Was bei einem Mann selbstbewusst ist, gilt bei einer Frau als eitel. Wo der Mann ein Held ist, ist die Frau eine Hyäne. Die Aneignung traditionell „männlicher“ ­Eigenschaften wird bei einer Frau also sanktioniert. Umgekehrt aber wird ein Mann für den Erwerb „weiblicher“ Eigen­schaften gelobt – wie Einfühlsamkeit, Sensibilität, Mütterlichkeit.

Als ich anno 1978 für den uneingeschränkten Zugang von Frauen zur Bundeswehr plädierte, hatte ich gleichzeitig betont, dass ich persönlich – als überzeugte Pazifistin – bei einer Wehrpflicht für Frauen Kriegsdienstverweigerin wäre. Es ging mir ja nicht um meinen persönlichen Zugang zur Kaserne, sondern um die Infragestellung des Prinzips von „Hie wehrtüchtiger Mann – da friedliebende Frau“. Friedliebend weil ohnmächtig. Doch das nutzte nichts. Meinen Ruf als „Flintenweib“ und Bundeswehr-Fan hatte ich weg.

Und dieser Ruf verstärkte sich noch, als ich die Rolle von Frauen in der Anfang der 1980er-Jahre aufbrechenden „Friedensbewegung“ kritisierte: Denn auch da argumentierte die Mehrzahl der Frauen – und auch der Feministinnen – nicht etwa als Menschen im Namen eines friedliebenden Humanismus, sondern ­erneut als Frauen im Namen einer besonderen, „naturgegebenen Friedfertigkeit“ von Frauen und vor allem Müttern.

Dass es mit der „natürlichen Friedfertigkeit“ der Frauen in der Realität nicht so weit her ist, belegen viele historische Beispiele. Angefangen bei den nicht nur legendären, sondern real existierenden Amazonen, die ihre Gegner mit Pfeil und Bogen besiegten. Und weitergehend mit weiblichen Soldaten, wie zum Beispiel den Rotarmistinnen der Sowjetunion – die allerdings nach dem Krieg nicht wie ihre Kameraden als „Heldinnen“ gefeiert, sondern als „Fronthuren“ geächtet wurden. Bis hin zu den Kämpferinnen in ­Befreiungsarmeen nach 1945: von den Algerierinnen (gegen die Kolonialherren) über die Iranerinnen (gegen den Schah) bis hin zu den Guerilleras in Südamerika (gegen die von Amerika gestützten Diktatoren). Sie alle haben gegen die verhassten Herrscher auch mit dem Gewehr in der Hand gekämpft – und sind nach dem Sieg der Befreiungsarmeen wieder ins Haus geschickt worden, von den eigenen Kampfgefährten brutal auf „ihren Platz als Frauen“ verwiesen.

Wie ist das nur immer wieder möglich? Weil all diese Kämpferinnen sich innerhalb der (Untergrund-)Armeen nie als Frauen organisiert hatten, sie also, trotz der Waffe in ihrer Hand, kein Machtfaktor als Gruppe waren. So konnten sie wieder vereinzelt und entrechtet werden. Bleibt nur zu hoffen, dass es eines Tages nicht auch zum Beispiel den in Syrien und im Iran kämpfenden Kurdinnen genauso ergehen wird. Denn das historische Gedächtnis der Frauen ist kurz. Nicht zuletzt, weil ihre geschlechtsspezifischen Erfahrungen kein Teil der offiziellen Geschichtsschreibung sind. Und so wiederholen die Frauen die immer selben Fehler.

Dass die deutschen Frauen im Jahr 2001 doch noch den Zugang zur Bundeswehr erhielten, als Letzte in den west­lichen Demokratien, selbst das verstand sich übrigens keineswegs von selbst. Deutschland musste vom Europäischen Gerichtshof dazu verdonnert werden, endlich das „Berufsverbot für Frauen“ in der Bundeswehr aufzuheben (und diese nicht länger auf das Musikkorps und den Sanitätsdienst zu beschränken, sondern auch an die Waffen zu lassen).

Als der von der deutschen Soldatin Tanja Kreil angerufene Europäische Gerichtshof am 11. Januar 2000 beschied, der Ausschluss von Frauen vom Waffendienst in der Bundeswehr verstoße „gegen die Gleichbehandlung der Geschlechter“, sieh da, da waren plötzlich alle für Frauen in der Bundeswehr. Bis auf die Grünen. Die dräuten weiterhin: „Frauen in die Bundeswehr? Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.“ Denn, so der grüne Bundesvorstand: „Mit unserer Vorstellung von Emanzipation hat dies nichts zu tun. Frauen brauchen eine emanzipierte Gesellschaft. Ohne Gewalt und Unterdrückung.“ Als bräuchten Männer die nicht.

Es ist der Ironie der Geschichte zu verdanken, dass die Grünen zur selben Zeit an vorderster Front für die totale Legalisierung, heute würde man sagen Deregulierung, des Prostitutionsmarktes eintraten. Die Profiteure des Geschäfts mit der Ware Frau sind für sie Geschäftsmänner und Prostitution ist „ein Beruf wie jeder andere“. Männer in die Kasernen – Frauen unter die Laternen?!

Zur Akzeptanz der Prostitution hat in konventionellen Kriegen übrigens nicht zuletzt das Militär beigetragen. Die Marketenderinnen waren schon immer die letzte Truppe der in den Krieg ziehenden Soldaten. Und Besatzer verwandelten ganze Gesellschaften in riesige Bordelle. So geschehen u. a. auf den Philippinen, als die US-Armee das Land in den 1960er-Jahren zu seiner Basis im Vietnam-Krieg machte. Und furchtbarerweise bis heute weitergetragen selbst von UN-Truppen, die eigentlich den Schutz der Menschen garantieren sollten, ihre Macht aber nicht selten auch ausnutzten, um Kinder und Frauen zu missbrauchen.

Doch zurück zu der Geschichte „Frauen und Bundeswehr“. Es ist vielleicht an der Zeit zu gestehen, dass die Klage von Tanja Kreil beim Straßburger Gerichtshof alles andere als ein Zufall war. Die damalige Staatssekretärin beim Verteidigungsministerium, die leider viel zu früh verstorbene Michaela Geiger (CSU), und ich, wir hatten das bei einem gemein­samen Abendessen 1998 in Köln ausgekocht. Wir fanden: Da das Verfassungs­gericht in Karlsruhe eine Klage gegen das Berufsverbot von Frauen in der Bundeswehr gar nicht erst angenommen hatte, sollte man nun am besten gleich nach Straßburg gehen!

Gesagt, getan. Die Staatssekretärin wandte sich an den Bundeswehrverband, der den Ausschluss von Frauen im Namen einer ominösen „Natur“ ebenfalls skandalös fand. Der Verband suchte nach einer Geeigneten – und fand Tanja Kreil. Die war nach ihrer Lehre als Elektronikerin arbeitslos und sagte sich: Warum nicht zum Bund? Da war schließlich auch ihr Verlobter ein zufriedener Zeitsoldat. Nach einem Ablehnungsschreiben des Wehrdienstbeauftragten war die 19-Jährige aus Hannover erst recht entschlossen. Die Klage wurde eingereicht: „Tanja Kreil gegen Bundesrepublik Deutschland“.

Inzwischen ging es Tanja schon längst nicht mehr nur um den Job. Es ging ihr auch um Gerechtigkeit. „Es ist doch eine bekannte militärische Strategie, dass die Unbewaffneten zuerst umgebracht werden“, sagte sie EMMA. „Da ist es mir doch lieber, ich habe ein Gewehr in der Hand, statt im Notfall blöd dazustehen.“ Auch war Tanja sich sicher: „In 20 Jahren werden die jungen Frauen ganz einfach zur Bundeswehr gehen und entgeistert fragen: Wie, das durftet ihr früher nicht?“ Genauso sollte es kommen.

Im März 2000 kommentierte ich die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs als Schritt zur „Aufhebung der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung in Krieg und Frieden“. Und ich plädierte für ein Pflichtjahr für beide Geschlechter: Männern wie Frauen sollten sich entscheiden können für ein Jahr in der Kaserne – oder ein soziales Jahr. Daraus ist bis heute nichts geworden. Leider.

Inzwischen sind Frauen weltweit in quasi allen Armeen eine Selbstverständlichkeit, wenn auch weiterhin eher in der Minderheit und in den unteren Chargen. Heute ist die Bundeswehr eine Berufs­armee. Von den 2017 insgesamt 178.179 verpflichteten Soldaten sind 20.420 weiblich, also elf Prozent. Jeder 13. Soldat im Auslandseinsatz ist eine Frau. Und gut jeder achte Offizier ist weiblich.

Die Verteidigungsministerin wirbt für ein geschlechtergerechtes Image der Bundeswehr und setzt sich für die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ in der Bundeswehr ein. Sie will damit suggerieren: Soldatsein sei ein Beruf wie jeder andere. Doch bei aller Freude über diesen geschlechtsneutralen Umgang mit den Soldaten und Soldatinnen muss an der Stelle doch kurz innegehalten und die Frage gestellt werden: Ist das Soldatsein wirklich ein Beruf wie jeder andere? Die Antwort lautet: Nein. In keinem anderen Beruf wird man zum Töten ausgebildet – und muss dazu auch im Ernstfall bereit sein. Doch die ethischen Fragen, die sich daraus ergeben, sollten keine geschlechts­spezifischen Fragen sein, sondern allgemein menschliche.

Die Frauen sind also in den Armeen zwar auf dem Vormarsch, doch die sind trotzdem weiterhin Männerbünde. Frauen haben es dort – wie in allen Männerbünden – besonders schwer. Soldatinnen werden besonders häufig hart gemobbt, meist durch sexistische Praktiken bis hin zur Vergewaltigung. Ein paar Jahrzehnte Frauenpräsenz treiben so einem Jahrtausende alten Männerbund eben nicht gleich das Männerbündische aus.

Gewalt ist immer der dunkle Kern von Macht, bei Geschlechtern wie Ethnien oder Völkern. Auch im zivilen Leben ist die epidemische und strukturelle Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder weiterhin ein fest verankertes und konstituierendes Element in dem Machtverhältnis der Geschlechter. Öffent­lich in der Familie wie im Beruf. Stichwort MeToo.

Die amerikanische Psychiaterin Judith Herman analysierte schon Ende der 1980er-Jahre in „Die Narben der Gewalt“ die so genannte „private“ Gewalt zwischen den Geschlechtern als Teufelskreis, aus dem eine Frau nur schwer herausfindet. Der Gewalttäter macht das Gesetz und kann auf die Scham und die Isola­tion seines Opfers zählen. Herman vergleicht die posttraumatischen Störungen der Opfer von der im deutschen Sprachraum verschleiernd so genannten „häus­lichen“ Gewalt mit denen der Überle­benden von Konzentrationslagern, der Kriegsveteranen oder der Opfer von Prosti­tution und Menschenhandel.

Bereits Mitte der 1970er-Jahre hatte Susan Brownmiller in ihrem bahnbrechenden Essay „Gegen unseren Willen“ belegt, dass nicht nur die individuelle Gewalt in männerdominierten Gesellschaften allgegenwärtig und eine methodische Brechung von Mädchen und Frauen ist. Sie hat auch aufgezeigt, dass Vergewaltigung ebenfalls eine systematische Waffe in Kriegen ist, hier auch zur Demütigung von den Männern der „geschändeten“ Frauen. Die Amerikanerin belegte das unter anderem mit Fakten über die gezielten Massenvergewaltigungen nicht nur von deutschen Wehrmachtssoldaten in den überfallenen Ländern, sondern auch der Siegermächte 1945 im unterlegenen Nazi­deutschland. Allen voran die Soldaten der Sowjetunion, die – nach den von Deutschland verschuldeten über 20 Mil­lionen toten RussInnen – ihre Soldaten regelrecht aufgefordert hatten, die Frauen der Besiegten aus Rache „zu schänden“.

Das Thema Kriegsvergewaltigungen galt in Deutschland bis vor Kurzem als tabu – die meisten Opfer haben bis heute nicht darüber gesprochen. AltenpflegerInnen wissen Bedrückendes von den Albträumen dieser Frauengeneration zu berichten.

Auch in aktuellen (Bürger-)Kriegen, von Bosnien über den Kongo bis nach Syrien, sind die wehrlosen Frauen willkommene Opfer und gelten systematische Massenvergewaltigungen als gezielt einzusetzende Kriegswaffe. In Ländern wie Ägypten oder Tunesien setzen Islamisten die Waffe der sexuellen Gewalt auch im zivilen Leben ein, um Frauen einzuschüchtern und aus dem öffent­lichen Raum zu vertreiben.

Mit dem Zuzug von Männern und Frauen aus traditionell patriarchalen Ländern, in denen Frauen noch weitgehend rechtlos sind, importiert Deutschland seit Jahrzehnten auch ein archaisches Geschlechterverständnis, das wir – fast ein halbes Jahrhundert nach Aufbruch der Frauenbewegung – weitgehend überwunden glaubten. Verschärft wird das durch die aktuelle Flüchtlingswelle.

Es stellt sich also die Frage, ob wir es mit einer quantitativen und qualitativen Eskalation der Männergewalt gegen Frauen zu tun haben. Ein Fanal war Silvester 2015 in Köln. Rund 2.000 patri­archal geprägte und islamistisch verhetzte junge „Araber und Nordafrikaner“ (laut Zeuginnen und Poli­zei) hetzten Hunderte von Frauen über den Kölner Bahnhofsplatz. Und niemand schritt ein. Unterschätzte auch die deutsche Polizei die Sexualgewalt gegen Frauen? Die meisten der 648 Opfer erstatteten erst nach der öffentlichen Empörung Anzeige wegen „sexueller Belästigung“ – wie die sexuelle Gewalt gegen Frauen ­verharmlosend genannt wird.

Elf Monate später – um nur ein Beispiel von vielen zu nennen – schreckte eine besonders brutale Tat die Öffentlichkeit auf. Auch unter Deutschen hat, wie dargelegt, die Beziehungsgewalt epidemische Ausmaße. Doch sie geschieht im 21. Jahrhundert in der Regel heimlich, hinter verschlossenen Türen. Im November 2016 aber richtete ein in Deutschland ­lebender Kurde, Teil eines kurdischen Clans in der Region, seine Ex-Lebensgefährtin und Mutter seines Sohnes regelrecht öffentlich hin.

Die von dem Mann getrennte Kader K. war wegen Unterhaltsstreitigkeiten und Gewalt schon mehrfach bei der Polizei vorstellig geworden. Es passierte: nichts. An diesem Tag schlug Nurettin B. seine Ex-Lebensgefährtin erst mit der Faust zu Boden, dann stach er mit einem Küchenmesser mehrfach in ihr Herz, sodann holte er ein Beil und schlug damit auf die am Boden liegende Frau ein. Er knüpfte die bewusstlose Frau mit einem „Galgenknoten“ an die Stoßstange seines Autos und gab Gas. Neben ihm im Auto saß der gemein­same, zweijährige Sohn.

Nach 208 Metern löste sich in einer Kurve das Seil. Nur diesem Umstand war es zu verdanken, dass die Frau überlebte. Knapp. „Wie durch ein Wunder“. Nurettin B. wurde zu 14 Jahren Haft und 137.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Übrigens: Die beiden hatten sich in Straßburg auf einer Demonstration für die Rechte der Kurden kennengelernt.

Diese Männergewalt, die durchaus auch in den westlichen Demokratien weiterhin ein zentrales Problem ist, konnte in den vergangenen Jahrzehnten im Westen in Ansätzen bewusst gemacht und auf allen Ebenen bekämpft werden. Jetzt schwappt sie aus ungebrochen patriarchalen Kulturen – in islamischen Ländern wie in osteuropäischen Ex-Militärdiktaturen – wieder ins Herz von Europa. Das Problem wird also nicht kleiner, sondern größer werden.

Nach einer Jahrtausende währenden Erziehung zur „Friedfertigkeit“ sind Frauen bis heute das quasi gewaltlose Geschlecht. Diese „natürliche Friedfertigkeit“ hat man allen unterdrückten Gruppen eingeredet bzw. eingeprügelt: den Schwarzen oder den Juden wie den Frauen. Denn das ist sehr praktisch für die Täter: friedliche Opfer. Entsprechend wird die (Gegen)Gewalt der von zur „Friedfertigkeit“ Verdammten stärker gesellschaftlich geächtet und sanktioniert.

Der Blick auf die Minderheit der weiblichen Täter ist entsprechend sexistisch: Sie sind in der Regel „kaltherzig“ und „grausam“; und „Gattenmörderinnen“ zum Beispiel werden doppelt so häufig zu lebenslänglich verurteilt wie „Gattinnenmörder“.

Nein, das Terrain der Gewalt von Frauen ist weiterhin weniger das Handfeste und eher das schwer Fassbare, das Psychologische. Frauen lassen aus Schwäche oder Feigheit geschehen, gucken weg – zum Beispiel bei dem Missbrauch ihrer eigenen Kinder. Und sie sind Meisterinnen der Intrige und des Psychoterrors. Die Waffen der Ohnmächtigen eben. In dem Zusammenhang hat Simone de Beau­voir in ihrem „Anderen Geschlecht“ (1949) von einer „Sklavenmentalität“ der Frauen gesprochen. Zu lange konnte das „schwache Geschlecht“ sich den frontalen Angriff nicht erlauben. Was selbstverständlich keine Frage des biologischen Geschlechts ist. Auch so mancher Mann beherrscht diese Hinterrücks-Methoden bestens.

Was aber ist gegen diese fatale Polarisierung der Geschlechter-Charaktere zu tun? Die einzige Antwort lautet: Gleichheit schaffen! In einer gleichberechtigten Gesellschaft wären Kinder nicht so ausgeliefert, könnten Frauen die offene Aus­einandersetzung wagen und würden Männer sich nicht mehr erlauben können – und wohl auch nicht wollen –, gewalttätig gegen ihre eigenen Kinder und Frauen zu sein. Und auch in kriegerischen Auseinandersetzungen wären Frauen nicht länger nur Opfer.

Termine:
Ausstellung bis 30.10.2018 im Militär­historischen Museum Dresden: „Gewalt und Geschlecht: Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden?“. Zweibändiger Katalog hrsg. von Gorch Pieken (Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, 88 €).

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