Laurie Penny: Die meint es ernst!

© John Cartwright
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„Dieses Buch“, schreibt Laurie Penny, „hilft euch nicht dabei, einen Mann zu finden, eure Frisur zu richten oder euren Job zu behalten.“ Klingt vielversprechend. Schließlich geht es in über 90 Prozent der neofeministischen Literatur genau darum: Karriere zu machen, einen Mann zu finden und sexy auszusehen. Penny aber geht es um mehr, viel mehr. Es geht ihr schlicht darum, Mit-Verantwortung für die Welt zu übernehmen – und um Freiheit zu kämpfen. Hört sich das nicht irgendwie gestrig an?

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Doch mit dieser Haltung aus den 1970er Jahren schafft die 28-Jährige es 40 Jahre später, eine der meistdiskutierten jungen feministischen Stimmen im Westen zu werden. Bekannt wurde die Engländerin durch ihren Blog (Penny Red). Heute arbeitet sie als Journalistin und Spezialistin für nationale wie globale Protestbewegungen.

Dazu betreibt sie sozusagen teilnehmende Feldforschung: Sie ist mittenmang, wenn es im Underground raunt oder die Autos auf den Straßen brennen. „Unsagbare Dinge – Sex, Lügen und Revolution“ ist ihr zweites Buch, das auf Deutsch erscheint (nach „Fleischmarkt“). Penny verknüpft darin bereits veröffentlichte Blogs und Artikel in größeren Zusammenhängen. Und sie erzählt von sich selbst: Mit 17 wegen lebensbedrohender Magersucht ins Krankenhaus, danach nie mehr nach Hause (sie wird wissen, warum), sondern aufs Internat. Englische Literatur studiert, vor allem aber vom Leben gelernt.

Laurie „vögelt mit Jungs“ und „küsst Mädchen“. Viele. Ihre Erkenntnisse entwickelt sie aus eigenen Erfahrungen, aber zitiert auch schon mal Simone de Beauvoir oder Shulamith Firestone („Sexuelle Revolution“). Und sie schreibt Sätze wie: „Der Kampf gegen das kapitalistische Patriarchat hat gerade erst begonnen.“ Oder: „Sozialismus ohne Feminismus ist kein Sozialismus.“

Das klingt nach O-Ton Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre, als die aufbrechende Frauenbewegung begann, sich von der Linken zu distanzieren. Fängt also etwa alles nochmal von vorne an? Als hätte es die letzten 40 Jahre nicht gegeben? Es liegt an Laurie Pennys Intelligenz, ihrem Furor und vor allem ihrem brillanten Stil, dass sie auch in deutschen Feuilletons gefeiert wird, trotz ihrer Radikalität. Doch es würde für die dort für „die Frauenfrage“ zuständigen Karriere-Journalistinnen arg ungemütlich werden, übernehmen sie wirklich die Haltung der Streetfighterin Penny.

Denn die meint es ernst. Das mit der Revolution. 

Einen Auszug aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ (Nautilus) steht in EMMA Mai/Juni 2015. Ausgabe bestellen 

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Laurie Penny: Die Provokante

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Als Laurie Penny zum ersten Mal für feministischen Aufruhr sorgte, war sie elf. Es stank ihr, dass man sie und ihre Mitschülerinnen dazu nötigte, in der Schule einen Rock zu tragen. Also startete Laurie an ihrem College in Brighton eine Aktion gegen das in der Schuluniformverordnung fixierte Hosenverbot. Slogan: „Girls should be able to wear trousers!“ Prompt lancierten ein paar gleichaltrige Jungs eine Gegen-Kampagne. Ihr Slogan: „Girls should be able to wear nothing!” Laurie hatte ihre Lektion in Sachen weibliche Körper und männliche Definitionsmacht schlagartig gelernt.
15 Jahre nach diesem Schlüsselerlebnis bringt die 26-Jährige, inzwischen Journalistin und preisgekrönte Bloggerin, die Geschlechterwelt erneut in Wallung: mit einem schmalen Büchlein im Empört-euch-Format, das in Feuilletons wie Frauenherzen eingeschlagen ist wie eine Bombe. Der lakonische Titel: „Fleischmarkt“. Und in der Tat: Laurie Penny hat die Messer gewetzt.

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In ungehemmter Schärfe seziert sie die „unmenschlichen sexu­ellen Phantombilder“ der Pornoindustrie und den „Körper- und Schönheitsfaschismus“, die auch und gerade in emanzipierten Zeiten dafür sorgen, dass Frauen ihre Haut zu Markte tragen. „Wir leben in einer Welt, die den unwirklichen weiblichen Körper anbetet und echte weibliche Macht verachtet“, schreibt Penny. „Diese Kultur verurteilt Frauen dazu, immer so auszusehen als seien sie verfügbar – während sie nie wirklich verfügbar sein dürfen, und zwingt uns, sozial und sexuell konsumierbar zu erscheinen – während wir selbst sexuell so wenig wie möglich konsumieren sollen. Unsere drastischste Vergeltung dafür besteht darin, uns selbst zu konsumieren: Sich selbst verzehren – das tun immer mehr von uns“.
Laurie Penny weiß, wovon sie spricht. Mit 17 landete sie in einer Klinik für Essstörungen, weil sie „weniger wog als eine Vierjährige“. Die Scheidung der Eltern und eine „fucking tough time at school“, wo laute Mitschüler den stillen Bücherwurm hänselten, hatten ihr schwer zu schaffen gemacht, und sie beschloss, „überhaupt nichts mehr zu wollen.“

Dabei hatte Laurie schon als Kind feministische Literatur verschlungen. „Ich habe mit elf oder zwölf mein erstes Buch von Germaine Greer gelesen. Dann wurde ich ein Feminismus-Nerd“, erzählt Laurie Penny und lacht ein keckerndes Koboldlachen. Aber Germaine Greer, Andrea Dworkin, Shulamith Firestone und all die anderen, in deren Tradition Laurie Penny sich heute sieht, konnten sie nicht wirklich immunisieren gegen die perfide Propaganda über das Frauenfleisch. Als Penny ein paar Jahre nach ihrer Genesung selbst Autorin wird, lautet ihr Schlachtruf: „Don’t diet, riot!“ – Macht keine Diäten, macht Randale!

Offenbar hat die Engländerin mit ihrer „Flugschrift“ einen Nerv getroffen. Als sie an diesem Abend im Rahmen der „Antisexistischen Aktionstage“ an der Kölner Uni aus „Fleischmarkt“ liest, hören ihr im Hörsaal G rund 50 StudentInnen, davon ein Drittel männlich, gespannt zu. Eine junge Frau fragt mit leiser Stimme: „Woher soll ich denn wissen, wie ich aussehen will und welche sexuellen Wünsche ich wirklich habe, wenn ich mit diesen ganzen Bildern aufgewachsen bin, die alles überlagern?“ Das sei genau das „bloody confusing problem“, antwortet Laurie Penny, die im roten Kapuzenpulli, schwarzem Fransenrock und Knobelbechern mit Keilabsatz einen annehmbaren Platz zwischen Anpassung und Auflehnung gefunden zu haben scheint. Sie muss ja jetzt selbst das Spiel mit den Bildern spielen. Erstaunlicherweise, heißt es in vielen Kritiken zu „Fleischmarkt“, stamme dieses wütende Pamphlet nicht aus der Feder einer „frustrierten Altfeministin“, sondern von einer „jungen attraktiven Frau“.

Eine andere Studentin weiß in Köln folgende Geschichte zu berichten: Studenten hatten eine Party organisiert, das Plakat zeigte eine knapp bekleidete Blondezza in Hotpants. „Und als wir dazu einen kritischen Blogeintrag gemacht haben, schrieben die zurück: Wir wären wohl nicht auf der Höhe der Zeit, ob wir denn nichts vom Slutwalk gehört hätten. Coole Frauen wollten doch jetzt so aussehen.“ Klar, sagt Laurie, die beim Londoner Slutwalk dabei war, „natürlich vereinnahmen sie jetzt unseren Wunsch nach einer freien Sexualität und korrumpieren ihn“. Und als ein junger Mann wissen will, ob die Pornoindustrie nicht lediglich die ohnehin vorhandenen Wünsche der Konsumenten abbilde, erklärt sie das schlicht für „Bullshit“.

„Ich habe kein Interesse an Feminismus, der in den Unis steckenbleibt“, erklärt Laurie Penny, deren Mutter, eine Juristin, die erste Frau ihrer Familie war, die einen akademischen Abschluss machen durfte. Laurie hat mit der britischen Occupy-Bewegung die Londoner St. Paul’s-Cathedral besetzt und war dabei, als Julian Assange seine „Evita-Rede“ vom Balkon der ecuadorianischen Botschaft hielt. Anschließend schrieb sie auf ihrem Blog „Penny Red“ über ihre Vergewaltigung durch einen „nice guy“ und fragte, warum eigentlich nicht beides sein könne: Dass Assange mit Wikileaks Großes geleistet – und trotzdem einen sexuellen Übergriff begangen hat.
„Feminism is an unfinished revolution“, sagt Penny. Ein Etappenziel der feministischen Revolution ist immerhin erreicht: An englischen Schulen dürfen die Mädchen inzwischen wählen, ob sie einen Rock oder eine Hose tragen wollen.

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Laurie Penny: Fleischmarkt (Nautilus 9,90 €)

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