Können Pflanzen sprechen?

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Tiere in Gefahr fahren ihre Krallen aus, verstecken sich oder laufen davon. Pflanzen können das nicht. Trotzdem sind sie Bedrohungen nicht schutzlos ausgeliefert, sondern haben ihre eigenen Tricks und Strategien, um Feinde abzuwehren. „Wäre dem nicht so, gäbe es sie wahrscheinlich nicht mehr“, sagt der Biologe Dieter Volkmann, emeritierter Professor der Universität Bonn. Denn immerhin, so Evolutionsbiologen, sind die Pflanzen älter als Tier und Mensch.

Die Bohne lockt mit Nektar Bodentruppen an

Wie sich Pflanzen wehren, macht die Limabohne (Phaseolus lunatus) vor, deren Blätter sowohl bei Käfern und Heuschrecken wie auch Raupen beliebt sind. Könnten die, wie sie wollten, würden sie ihre Kiefer ständig ins saftige Grün der Pflanze schlagen. Doch das weiß die Bohne mit mehreren Methoden zu verhindern, zum Beispiel, indem sie durch den süßen Nektar der Blüten Boden­truppen anlockt. Es sind vor allem Ameisen, die zur Hilfe eilen und die lästigen Angreifer von den Blättern werfen.

Gegen die Raupen der Eulenfalter (Noctuidae) können die Ameisen allerdings nichts ausrichten. Dafür fährt die Limabohne ganz andere Geschütze auf und setzt auf Unterstützung aus der Luft: Sie kurbelt die Produktion von Signalstoffen an und gibt dann ein ganzes Bukett von flüchtigen Duftstoffen frei. Das lockt Schlupfwespen an, die in den Raupen ihre Eier ablegen, aus denen später Larven schlüpfen, die den Raupenkörper von innen auffressen. Wird die Limabohne dagegen von Spinnmilben angegriffen, ruft sie Raubmilben zur Hilfe.

Es ist der Speichel der Insekten, der der Pflanze verrät, mit wem sie es zu tun hat. Nur so kann sie die Duftgemische produzieren, die die passenden Helfer anlocken. Darauf reagieren auch die Nachbarpflanzen. Für sie ist der Hilferuf eine Warnung und sie aktivieren prompt ihre Stoffwechselwege für die Verteidigung, um gegen drohende Angreifer gefeit zu sein. Ganz ähnlich wie die Limabohne hält es auch die Akazie (Acacia collinsii), der Mais (Zea mays) und die Tomate (Solanum lycopersicum). Sie wehren und warnen sich. Könnten sie sprechen, ginge es laut zu auf den Wiesen und in den Wäldern.

Dass es sich bei dem Austausch zwischen Pflanzen und Insekten nicht nur um Abwehr und Krankheit dreht, ist schon lange bekannt. Denn auch der Duft, der von den Blüten der Pflanzen ausgeht, ist eine olfaktorische – also den Geruchssinn betreffende – Nachricht, die Insekten anlockt, vor allem Bienen. Die sollen die Pflanzen aber nicht beschützen, sondern bestäuben und bekommen im Gegenzug den süßen Nektar, aus dem später Honig entsteht.

Ein Duft-Signal. Dann sind auch
Nachbarpflanzen alarmiert

Pflanzen reagieren aber nicht nur auf chemische Signalstoffe, sie nehmen auch etwa 15 verschiedene Umweltfaktoren wahr. Darunter Temperatur, pH-Wert, Schwermetalle wie Blei und auch Licht. So können Pflanzen nicht nur die Richtung und Intensität des Lichts erkennen, sondern auch seine Qualität, also die Spektralfarben messen und sich so über die Position ihrer pflanzlichen Nachbarn informieren. Denn die schlucken sowohl rotes als auch blaues Licht. Daher unterscheidet sich das von ihnen reflektierte Licht von der direkten Sonneneinstrahlung. Die pflanzlichen Lichtrezeptoren erkennen diesen Unterschied, so dass die Pflanze dem Nachbarn ausweichen kann, bevor der sie in den Schatten stellt.

Fleischfressende Pflanzen und Mimosen sind ein Musterbeispiel für eine weitere Fähigkeit der sensiblen Wesen: Pflanzen reagieren auf Berührung. Fast zwanzig Jahre ist es mittlerweile her, dass Janet Braam von der Rice University in Houston die so genannten Berührungsgene entdeckte. Werden diese Gene ­aktiviert, ändert die Pflanze ihre Wachstumsrichtung. So wachsen junge Pflan­zen, die regelmäßig gestreichelt werden, klein und buschig, während vernachlässigte Sprösslinge in die Höhe schießen. Diese Reaktion kann mitunter sehr nützlich sein. „Denn wächst eine Pflanze an einem windigen Standort, sind ihre Überlebenschancen größer, wenn sie ihre Gestalt dieser Umwelt anpasst“, erklärt Braam.

Ums Überleben geht es auch, wenn Pflanzen ihre Artgenossen erkennen und sie sogar von ihren eigenen Geschwistern unterscheiden. Die Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana) findet zum Beispiel anhand des Wurzelsekrets heraus, wer zur Familie gehört und wer nicht. Zählt der Nachbar nicht zur Verwandtschaft, werden ihm durch erhöhtes Wurzelwachstum möglichst viel Wasser und Nährstoffe abspenstig gemacht. Ist die Nebenpflanze dagegen aus einem Samen der eigenen Mutter gekeimt, breitet die Ackerschmalwand ihre Wurzel nur so weit aus, dass der Nächste auch noch ­genügend Platz hat.

Vernachlässigte Sprösslinge wachsen
in die Höhe

„Nicht nur Tiere, sondern auch Pflanzen bevorzugen ihre Verwandten“, erklärt Susan Dudley von der McMaster University Hamilton in Kanada. „Da sie teilweise die gleichen Gene haben, fördert ein solches Verhalten den genetischen Erfolg.“

Und damit nicht genug. Pflanzen haben zwar keine Ohren, doch die Membran ihrer Zellen ist auf ihre Art empfind­licher als das menschliche Gehör. Dass die sensiblen Wesen tatsächlich Töne registrieren, belegen mehrere Studien: Der Biologe Stefano Mancuso von der Universität in Florenz hat in einem toskanischen Weinberg gezeigt, dass Reben, denen regelmäßig klassische Musik vorgespielt wird, nicht nur seltener von Schadinsekten heimgesucht werden, sondern auch größere und süßere Früchte tragen als nicht beschallter Wein.

Und im Labor wies Mancuso nach, dass Wurzeln in die Richtung der Tonquelle wachsen. Warum, ist noch nicht ganz klar. Unklarheit herrscht auch darüber, weshalb junge Getreidepflanzen in Wasser ihre Wurzeln in Richtung einer ­regelmäßigen Geräuschquelle mit einer Frequenz von 220 Hz ausrichten, wie der italienische Forscher vor fünf Jahren ­zusammen mit einem internationalen ­Forscherteam zeigte.

Dass Pflanzen flüchtige Signalstoffe produzieren und oberirdische Warnsignale an ihre Nachbarn senden – wie im Fall der Limabohne – ist schon lange bekannt. Relativ neu dagegen ist, dass solche Botschaften auch unter der Erde kursieren: Etwa 90 Prozent aller Pflanzen leben in einer Symbiose mit so genannten Mykorrhiza-Pilzen. Das sind Wurzel-Pilze, die die Pflanzen mit anorganischen Mineralstoffen wie Phosphor und Stickstoff versorgen. Für ihr Entgegenkommen erhalten die Pilze Zucker, den die Pflanzen aus der Fotosynthese gewinnen. Der ganze Boden ist von den Pilzen durchwoben, die die Pflanzen über ihre Wurzeln miteinander verbinden. Wissenschaftler sprechen von einem „Wood Wide Web“ und vermuten, dass auf dem unterirdischen Marktplatz ein reges Treiben herrscht.

Forscher sprechen vom "Sozialismus
im Boden"

So hätten junge Bäume unter dem dunklen Kronendach eines Waldes kaum eine Chance, wenn sie nicht von den ­älteren Bäumen der gleichen Spezies mit Nährstoffen versorgt werden würden. Forscher sprechen von einem „Sozialismus im Boden“, und die unterirdische Leitung soll über 30 Meter weit reichen.

Es sind aber eben nicht nur Nährstoffe, die über das Pilzgeflecht ihren Weg finden, wie Forscher um David Johnson von der Universität Aberdeen im Jahr 2013 herausfanden. Die Wissenschaftler zeigten, dass sich Ackerbohnen (Vicia faba) nicht nur oberirdisch vor Blattläusen warnen, sondern auch über das unterirdische Mykorrhiza-Geflecht. Wie die Informationen genau von einer Pflanze zur anderen gelangen, ist bisher aber noch nicht bekannt. Die Wissenschaftler vermuten allerdings, dass auch hier chemische Signale im Spiel sind.

Auch wenn Pflanzen weder Augen und Ohren noch Neurone und Synapsen haben, nehmen sie ihre Umwelt sehr genau wahr und passen ihre Reaktionen entsprechend an. Bereits vor 30 Jahren vermutete Dieter Volkmann, dass Pflanzen sowohl sehen, hören, riechen als auch schmecken können. Damals wurde er von seinen Kollegen belächelt und kritisiert. „Jetzt ist es etwas ruhiger geworden“, meint der Biologe. Mittlerweile sind viele seiner damaligen Vermutungen experimentell belegt und immer mehr Wissenschaftler suchen eine ernsthafte und offene Diskussion zum Thema „Pflanzenkommunikation“.

„Natürlich kann man Pflanzen nicht mit Tieren in einen Topf stecken“, sagt Volkmann. Dennoch gibt es viele Gemeinsamkeiten auf molekularer Ebene. Zum Beispiel, dass es neben den Phyto­hormonen auch elektrische Signale in Pflanzen gibt. Wozu sie dienen, ist bislang noch wenig erforscht. Volkmann geht aber davon aus, dass sie ähnlich wie in tierischen Organismen Botschaften von Zelle zu Zelle weitergeben.

Übrigens sorgte noch vor etwa 80 Jahren die Vermutung, dass es in Pflanzen Moleküle gebe, die wie Hormone wirken, für Aufruhr und rigorose Ablehnung unter Wissenschaftlern. Und noch Anfang der 1970er Jahre war es verpönt, von „Pflanzenhormonen“ zu sprechen. Heute sind Phytohormone gut erforscht und in Expertenkreisen längst akzeptiert.

Pflanzen sind keine passiven Wachstums-
roboter

Eines haben Pflanzen und Tiere außerdem gemeinsam: Sie können sich den evolutionären Herausforderungen wie Wachstum, Konkurrenz und Vermehrung nicht entziehen. Und manchmal sind die Lösungen für die Probleme überraschend intelligent. Definiert man „Intelligenz“ im Sinne von Gedächtnis, Problemlösung und Vorausplanung, gesteht Volkmann selbst Pflanzen Intelligenz zu. „Jedes Lebewesen, das einen langen Weg in der Evolution hinter sich gebracht hat, sollte intelligent sein“, kommentiert der Biologe.

Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre zeigen jedenfalls, dass die Fähigkeiten von Limabohne, Mais & Co sehr lange unterschätzt wurden. Und die jüngsten Entdeckungen lassen erahnen, dass die Welt der Pflanzen ein Dschungel voller Geheimnisse und Überraschungen ist. Denn Pflanzen sind eben keine passiven Wachstumsroboter, sondern kommunikative und sensible Organismen.

Peggy Freede

 

Weiterlesen
Stefano Mancuso/Alessandra Viola: Die Intelligenz der Pflanzen (Kunstmann);
Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume;
Hope Jahren: Blattgeflüster (beide Ludwig); Volker Arzt: Kluge ­Pflanzen. Wie sie locken, lügen und sich wehren (Goldmann);
Daniel Chamovitz: Was Pflanzen wissen. Wie sie sehen, riechen und sich erinnern (Hanser).

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Die Wildblumensammlerin

Karin Böhmer sammelt selten gewordene Wildblumen. © Christopher Mavrič
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Wer zu Karin Böhmer vordringen möchte, wird im Innenhof ihres alten Gehöfts zuerst einmal von vier großen Ziegen mit angstgeweiteten Augen empfangen, die einen so entgeistert anstarren, als hätte man sich vom Mars kommend neben ihnen materialisiert. Nebenan im Stall blöken Schafe. Klopft man dann zwischen Büscheln von weiß blühendem Bärlauch und lila Taubnesseln an die niedrige Haustür aus Holz, ertönt von drinnen ein heiseres, rhythmisches Keuchen, das nur vage an Hundegebell erinnert. Die Tür öffnet sich, heraus stürmt erst Karin Böhmers alter Hund Bärli, ein begeistert wedelnder schwarz-weiß-braun gefleckter Australian Shepherd, gefolgt von Karin Böhmer selbst, die schon Mitte April die gut ­gebräunte Gesichtsfarbe all jener besitzt, deren Arbeit sich großteils unter freiem Himmel abspielt.

Von 900 Wild-
blumenarten sammelt Böhmer die Samen

Im Moment sei Hauptbestellzeit, aber heute sei ein ruhiger Tag, sagt Karin Böhmer kurz darauf bei einer Tasse Tee in ihrer Küche, um sogleich von einem im Minutentakt scheppernden Telefon eines Besseren belehrt zu werden. Sie schaltet es grinsend auf lautlos. Drei Katzen, die wohlig hingestreckt auf Sesseln und Fensterbrett lagern, schauen kurz auf. „Die Katzen sind ganz besonders wichtig“, erklärt sie. Wichtig sind sie deswegen, weil es hier auf dem Hof im winzigen Waldviertler Dorf Voitsau, wo Karin Böhmer seit 30 Jahren lebt, vor allem um eins geht: um Saatgut, das nicht von Mäusen gefressen werden soll, genauer gesagt: um die Samen von Wildblumen, die Karin Böhmer sammelt und vertreibt. Das ist ihre Arbeit.

Auf den ersten Blick mag man das für eine äußerst randständige Beschäftigung halten, gar für ein Orchideenfach im wörtlichen Sinn, denn auch heimische Orchideenarten wie das extrem rare Stattliche Knabenkraut stehen auf der Liste der rund 900 Wildblumenarten, von denen Karin Böhmer und ihr kleines Team von Mitarbeiterinnen Samen ­sammeln – auf Feuchtwiesen und Wie­sen­rainen, Trockenrasen und an Gehölz­rändern, auf Magerwiesen und Schotterflächen. Insgesamt 12 Hektar ökologisch wertvoller Flächen rund um Voitsau hat Karin Böhmer dafür gepachtet. Dazu kommen noch ein paar Hundert Hektar Flächen in der Steiermark, in Kärnten und im Burgenland – von Hochalmen über Flusstäler bis zu Auwäldern. Seit 2013 darf Karin Böhmer auch in aus­gewählten niederösterreichischen Naturschutzgebieten sammeln. Für einzelne geschützte Arten, die auf ihren Pacht­flächen rund um Voitsau wachsen, hat sie zudem eine eigene Sammel-Erlaubnis von der Naturschutzabteilung des Landes Niederösterreich.

Das Stattliche Knabenkraut zum Beispiel blüht im Mai gleich am Ortsrand von Voitsau an einem schmalen Trockenrasenhang. Viele Hundert dieser hohen, streng geschützten Wildorchideen mit ihren aus lila Einzelblüten zusammen­gesetzten Blütenähren wachsen hier auf ­einem kleinen Fleck. Die Knabenkraut-Trockenwiese ist das Produkt von rund 2.000 Jahren bäuerlicher Fürsorge und beherbergt mehr als hundert Pflanzenarten, erzählt Karin Böhmer, die die Wiese von einem Bauern aus dem Ort ­gepachtet hat. Sie lässt sie mähen und das Heu zu Heudrusch ausdreschen. Zusätzlich sammelt sie hier auch händisch die Samen verschiedener Wildpflanzen. So bleibt die alte Wiese erhalten, ihre Samen kommen in Umlauf und verbreiten sich. „Wiesen sind Kulturlandschaften, die in ihrem Erhalt auf den Menschen angewiesen sind, weil sie gemäht oder beweidet werden müssen, um nicht zu verwalden.“ Der Wiesen-Besitzer bekommt zusätzlich zur Pacht noch eine EU-Naturschutz-Zahlung. In Summe ist das etwa gleich viel, wie er mit dem Holz einer Aufforstung hätte verdienen können.

Normalerweise ist das Aufforsten das typische Schicksal uralter Wiesenflächen wie dieser. Nach modernen bäuerlichen Standards geben sie mit ihrem niedrigen, artenreichen Bewuchs als Futterwiese zu wenig her. Ihre arbeitsintensive Pflege zahlt sich demnach nicht aus. Deshalb sieht man auf den Hügeln ringsum viele junge Fichtenwälder. Ungezählte Waldviertler Wiesen sind in den letzten Jahrzehnten solchen Waldmonokulturen ­gewichen. Doch langsam findet ein Umdenken statt. Und genau deshalb läutet auch Karin Böhmers Telefon so oft.

Wenn sich die Vielfalt reduziert, hat das fatale Konsequenzen

Die Anrufer bestellen bei ihr Wildblumen-Samenmischungen. Karin Böhmer erkundigt sich dann genau nach Standort, Sonneneinfall, Bodenbeschaffenheit, Wassergehalt und Mikroklima der Flächen, auf denen die gewünschten Pflanzen ausgesät werden sollen. Dann klettert sie, immer begleitet von Bärli, die schmale Wendeltreppe zu ihrem großen Dachboden hinauf, wo in hunderten Laden von alten Apotheker- und Greißlereischränken, in Kübeln und Bechern, Papiersäcken, Wannen und Schachteln die verschiedenen ­Samen lagern, fein säuberlich beschriftet mit ihrem botanischen Namen, Fundort, Datum und Menge. „Scabiosa triandra, Hausleiten, 50 g, 22.7.2015“ steht auf ­einem Zettel, der mit einer Wäscheklammer an einem im Holzgebälk aufgehängten, zusammen geknoteten Leintuch befestigt ist. „Bromus erectus, Hausleiten 2015“ steht auf einem anderen Bündel. Hausleiten ist der alte Flurname der steilen Hangwiese gleich hinter Karin Böhmers Hof.

Im Lauf der Saison wird der Dachboden immer voller mit Bündeln voller getrockneter Fruchtstände. Manche Pflanzen haben große Samen und lassen sich leicht sammeln, andere machen es ­einem schwer und sind besonders arbeits­intensiv. „Für eine Handvoll Veilchen brauchst du eine Stunde“, lacht Karin Böhmer. Bis zum Herbst sieht man dann vor lauter Bündeln mit Fruchtständen kaum mehr das Dachbodengebälk. Erst im Winter ist Zeit, die Rohsamen zu reinigen, bis nur mehr die reinen Samen ­übrigbleiben, die dann in die vielen Laden kommen. In diese greift Karin Böhmer dann, um für jeden Auftraggeber seine ­individuelle Mischung zusammenzustellen. „Die Aussaat funktioniert umso besser, je ähnlicher die neuen Standorte den Standorten sind, von denen die Samen herkommen“, erklärt sie, „und wir können von jedem Samen nachweisen, von welchem Naturstandort er stammt.“ Neuerdings existiert dafür auch ein Gütesiegel (www.rewisa.at).

In diesem für Außenstehende völlig undurchschaubaren Universum des Wildpflanzen-Saatguts bewegt sich Karin Böhmer mit der schlafwandlerischen ­Sicherheit einer initiierten Alchimistin. Sie ist die Einzige, die sich hier wirklich auskennt und für jeden Fall eine Lösung hat: Da fragen Weinbauern nach speziellen Trockenrasenuntersaaten für ihre Weingärten, Imker nach Bienentracht-­Mischungen. Hausgartenbesitzer wollen verschiedene Wildgemüsearten anbauen und suchen nach speziellen Pflanzen für feuchte Teichufer oder heißtrockene ­Garagendächer, für Dachterrassenbeete, Schotterflächenbegrünungen oder bunte Wildblumenwiesen. Landwirte klopfen bei Karin Böhmer an, weil sie Blühstreifen mit Pflanzen anlegen wollen, die besonders gern von Bienen besucht werden. Gemeinden, weil sie sich auf ihrem Ortsgebiet statt Rasenstücken vielfältige Blumenwiesen wünschen oder Ackerwildkräuter für den Ortsanger. Es sind viele Hunderte Aufträge im Jahr, immer häufiger stammen sie von Gemeinden und anderen öffentlichen Stellen. Auch Straßenbauprojekte, pharmazeutische Institute oder Nationalparks gehören zu Karin Böhmers Kunden.

„Viele Gegenden haben wirklich keine Blumen mehr, und jetzt brennt langsam ein bissl der Hut“, sagt Karin Böhmer. Nicht nur, weil sich Österreich im Rahmen der 1993 in Kraft getretenen internationalen Biodiversitäts-Konvention verpflichtet hat, bestimmte Pflanzenarten und die Vielfalt unterschiedlichster Ökosysteme zu erhalten, die stetig zurückgedrängt werden. Sondern auch, weil sich immer deutlicher zeigt, dass ohne Wildblumen bald auch die Insekten ausbleiben und mit ihnen die Befruchtung von Nutzpflanzen. „Die steirischen Obst- und Kürbisbauern haben Probleme mit der Bestäubung, weil es nur mehr so wenig Blütenvielfalt in der Gegend gibt“, ­erklärt Karin Böhmer. Wo – wie etwa auch im Innviertel –  fast nur mehr intensiv gedüngte Grünfutter- oder Ackerflächen mit ein paar wenigen Pflanzenarten existieren, schaut es bald traurig aus für die Vielfalt.

Darum ist die Beschäftigung mit Wildblumenwiesen beileibe kein exotischer Zeitvertreib. Hört man Karin Böhmer, die auf der BOKU Landwirtschaft studiert hat, zu, versteht man rasch, um was für ein zentrales Thema es sich handelt. Nicht nur sind Wildblumenwiesen „die vielfältigsten Lebensräume in unseren Landschaften“. Während moderne, hochwüchsige, gedüngte Futterwiesen kaum für mehr als 10 bis 20 Pflanzenarten Lebensraum bieten, sind es auf alten Wildblumenwiesen bis zu 100 und mehr. Dementsprechend beherbergen sie nachgewiesenermaßen auch ein Zehnfaches an Insekten, Nagetieren, Spinnen oder Würmern. Dazu kommt: Der Boden unter solchen Wiesen ist so intensiv, dicht und tief bewurzelt, dass sie auch als Ero­sionsschutz, Wasserspeicher und Wasserreiniger eine wesentliche Rolle spielen. „Deswegen melden sich jetzt auch immer mehr Ziviltechniker, die uns mit der ­Begrünung von Retentionsbecken beauftragen, die jeder Bau von Straßen, Einzelhäusern, Siedlungen oder Gewerbegebieten verpflichtend braucht, damit dort Regenwasser zurückgehalten und gereinigt werden kann“, sagt Karin Böhmer, „Da wird jedem klar, was für einen direkten Nutzen die Vielfalt hat“.

Wiesen müssen als Teil der Kultur erhalten werden

Mindestens ebenso sehr bewähren sich gute Wildblumenflächen im Zusammenhang mit Wetterextremen. „Gedüngte Futtergrünflächen sind in extrem heißen Sommern richtig vertrocknet. Auf Wildblumenwiesen hingegen, wo 100 Arten wachsen, profitieren im einen Jahr die einen von mehr Trockenheit, im nächsten die anderen von mehr Regen.“ Solche Wiesen schauen jedes Jahr anders aus: gelebte Vielfalt sozusagen. Das kommt daher, dass Wildblumenwiesen es gewohnt sind, mit ­irgendeiner Form von Mangel oder ­Beschränkung umzugehen. Bei einer Magerwiese ist es der nährstoffarme Boden, bei Trockenrasen die geringe, bei Feuchtwiesen die sehr große Feuchtigkeitsmenge und bei Alm- und Bergwiesen die Beschränkung durch eine sehr kurze Vegetationsperiode. „Richtig vielfältige Wiesen müssen immer mit einem Mangel zurechtkommen. Deshalb leben dort auch so viele Arten nebeneinander, weil nie eine Art auf Kosten der anderen überhandnehmen kann.“

Und überhaupt, sagt Karin Böhmer, sollten alte Wiesen als Teil unserer Kultur und Tradition erhalten werden „wie alte Bauernhäuser“. Sagt’s, stopft sich zwei alte Polsterüberzüge unter den Gürtel und geht hinterm Haus die steile Hausleiten-­Wiese hinauf, wo gerade die Samenstände des gelben Frühlingsfingerkrauts und der Nelkensegge reif zum Sammeln sind. Dann sieht man Karin Böhmer wie so oft auf einer Wiese hocken und mit spitzen Fingern Pflanzensamen in Polsterbezüge klauben. Bärli ist immer mit dabei. Und auch ihre Ziegen, Schafe und Pferde sind nie sehr weit. Denn mit den vereinten Kräften von Mensch und Tier lassen sich alte Wiesen am besten pflegen.

Julia Kospach
 

Im Netz
www.wildblumensaatgut.at
und www.rewisa.at

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