In der aktuellen EMMA

Wie Pornos die Popkultur prägen

Brtiney Spears engagierte für ihre Musikvideos einen Pornoproduzenten.
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Bei meinen Vorlesungen an der Westküste der USA sprachen die Studentinnen oft darüber, wie wichtig es ihnen sei, ihre Vulva vollständig zu enthaaren. Sie fühlen sich dann „sauber“, „sexy“ und „gepflegt“. Sie bestanden darauf, dass es ihre eigene Entscheidung gewesen sei, ein Brazilian Waxing zu machen. Eine Studentin gab irgendwann zu, dass ihr Freund sich beschwert hatte, als sie nicht mehr waxen wollte.

Manche Freunde, so stellte sich nun heraus, hatten sogar den Sex mit ihrer ungewaxten Freundin abgelehnt und geätzt, sie sehe „widerwärtig“ aus. Eine Studentin erzählte der Gruppe, dass ihr Freund ihr zum Valentinstag ein Waxing-Set geschenkt habe. Ein anderer hatte sich in einer E-Mail an seine Freunde über den „haarigen Busch“ seiner Freundin lustig gemacht. Nein, sie hat nicht mit ihm Schluss gemacht. Stattdessen hat sie sich waxen lassen.

Zwei Wochen nach der Waxing-Diskussion war ich an einer Eliteschule an der Ostküste. Während meines Vortrages wurden einige Studentinnen zunehmend sauer. Sie erklärten, sie hätten schließlich die freie Wahl, und beschuldigten mich, ihnen diese mit meiner scharfen Kritik zu nehmen.

Dann machte eine einen Scherz über den „Trick“, den manche anwendeten, um einen One-Night-Stand zu vermeiden. Wie dieser Trick funktioniert? Diese Frauen rasieren oder waxen sich absichtlich nicht, wenn sie ausgehen. Als ich sie fragte, wieso sie nicht einfach Nein zum Sex sagen könnten, erklärten sie mir, dass es, sobald man auf einer Party oder in ­einer Bar gemeinsam ein paar Drinks ­getrunken habe, zu schwer sei, noch Nein zu sagen.

Am nächsten Tag flog ich nach Utah, um an einem kleinen College zu sprechen, auf dem viele Katholiken und Mormonen sind – obwohl es kein kirchliches College ist. Ich erzählte vom vergangenen Abend und fragte, ob sie wüssten, wie der Anti-One-Night-Stand-Trick funktioniert. Es stellte sich heraus, dass der Trick allgemein bekannt ist und auch hier angewandt wurde.

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie zeigt, auf wie vielen Ebenen die Pornokultur das Leben von jungen Frauen beeinflusst. Realität ist, dass Frauen keine Pornos zu sehen brauchen, um tiefgehend davon beeinflusst zu werden. Denn die Bilder und Botschaften der Pornografie werden Frauen durch die Popkultur vermittelt. Die Frauen von heute sind nicht die Konsumentinnen der Hardcore-­Pornos. Sie verinnerlichen jedoch, ob bewusst oder unbewusst, die Pornoideologie. Die tarnt sich oft als guter Ratschlag, wie man am besten sexy und cool wirkt.

Eines der Beispiele dafür ist das Intimwaxen, das zunächst durch Pornos populär und dann von Frauenmedien wie Cosmo­politan propagiert wurde. Dank ­Serien wie „Sex and the City“ spielt das Waxen eine Rolle. In einer Episode wird Miranda von Samantha ausgeschimpft, weil sie sich „so hat gehen lassen“. Sie hatte ihre Vulvabehaarung nicht entfernt.

Meine Gespräche mit College-Studentinnen zeigen, wie selbstverständlich junge Frauen ihre Anpassung an die Popkultur als „freie Wahl“ definieren. Ich höre dieses Mantra überall. Doch wenn wir über die „freie Wahl“ der Frauen sprechen, müssen wir die Frage stellen, wie viel freien Willen wir Menschen überhaupt haben. Denn obwohl wir theoretisch alle als RegisseurInnen unseres eigenen Lebens handeln könnten, sind wir in der Praxis keine frei in der Welt schwebenden Individuen. Wir sind soziale ­Wesen, die ihre persönlichen Identitäten innerhalb sozialer, ökonomischer und ­politischer Bedingungen konstruieren. Das gilt insbesondere für unsere Geschlechtsidentität, da das Geschlecht eine kulturelle Erfindung ist. Schon deshalb wird unser Empfinden von „normalem“ weiblichen Verhalten von äußeren Kräften gesteuert.

Sehen wir uns zum Beispiel einmal die „Wahlmöglichkeiten“ der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg an. Auf den ersten Blick sah es so aus, als hatten die Frauen „freiwillig“ ihre Berufe aufgegeben, die sie im Krieg ergriffen hatten, um wieder nach Hause zu gehen und an Heim und Herd für Mann und Kinder zu sorgen.

Erst Jahrzehnte später – dank feministischer Historikerinnen und Schriftstellerinnen – fand man heraus, dass das, was die Frauen zurück ins Hause getrieben hatte, ein komplexes Zusammenspiel von Umständen und Einflüssen war: Die Frauen wurden entlassen oder zurückgestuft, um Platz für die heimgekehrten Männer zu schaffen. Hinzu kam die Isolation der Vororte plus fehlende Kinderbetreuung. Was damals als freie „Wahl“ der Frauen erschien, waren in Wahrheit ökonomische und soziale Kräfte, die die Entscheidungen der Frauen beeinflussten und in eine ­bestimmte Richtung drängten.

Und dann der Einfluss von Medien und Sitcoms wie „Ozzie und Harriet“ oder „Erwachsen müsste man sein“, die die Hausfrau idealisierten: feminin, fürsorglich und glücklich in ihrer Rolle als Putzfrau, Haushälterin, Kindermädchen, Chauffeurin, Krankenschwester. Das war das herrschende Bild von Weiblichkeit, das von den Medien beschworen wurde.

Das Problem war, dass dieses Bild eine Lüge war. Wie Betty Friedan in „Der Weiblichkeitswahn“ (1963) nachwies, waren viele dieser Hausfrauen unglücklich, einsam und überfordert.

Die Frauen von heute werden nicht zurück an Heim und Herd gezwungen. Aber das heißt nicht, dass sie nicht ähnlich von der kulturellen Konstruktion von Weiblichkeit geprägt sind. In ihrem Buch über Frauen und Popkultur fragt Ariel Levy, wieso sich Frauen noch immer dem Mainstream-Bild von Weiblichkeit unterwerfen, obwohl „die Frauen heute ganz andere Möglichkeiten und Erwartungen haben als unsere Mütter“. Das ist wahr, insbesondere für weiße Frauen der Mittelschicht. Aber wir sind weiterhin kulturelle Wesen, die ihre Identitäten aus den vorherrschenden Bildern entwickeln, die uns umgeben.

Das Bild der „Frauen von Stepford“, das frühere Generationen von Frauen mit der Pflicht zu glänzenden Fußböden und perfekten Mahlzeiten in den Wahnsinn trieb, ist fast verschwunden. Doch an seiner Stelle haben wir nun die Stepford-Schlampe: Eine hypersexualisierte, junge, dünne, muskulöse, enthaarte und in vielen Fällen chirurgisch „optimierte“ Frau mit einladendem Blick. Harriet Nelson (Protagonistin in „Ozzie und Harriet“, Anm. d. Red.) und June Cleaver (die Mutter in „Erwachsen müsste man sein“, Anm. d. Red.) haben sich verwandelt in Britney, Rihanna, Beyoncé, Paris oder Lindsay.

Frauen werden noch immer gefangen gehalten durch Bilder, die letztlich Lügen über Frauen erzählen. Die größte Lüge ist, dass die Anpassung an diese hypersexualisierten Bilder Frauen eine Macht gibt. In der herrschenden Pornokultur besteht diese Macht, so wird uns suggeriert, darin, einen sexy Körper zu haben, den Männer begehren und um den andere Frauen uns beneiden.

Obwohl die Modebranche schon immer Kleidung propagiert hat, die Frauenkörper sexualisiert, ist das Neue, dass der angesagte „Look“ heute teilweise von der Sexindustrie inspiriert wird. Es wird nun von uns erwartet, diesen Look überall zu tragen: in der Schule, auf der Straße wie im Beruf. LehrerInnen, und zwar schon solche in der Grundschule, beschweren sich darüber, dass ihre Schülerinnen oft aussehen, als würden sie auf eine Party anstatt in die Schule gehen.

Unter den hypersexualisierten Prominenten steht Paris Hilton ganz weit oben. Die Geschichte, wie sie auf die A-Liste katapultiert wurde, ist ein Meisterstück der Pornokultur. Zunächst war die Hotel-Erbin eine zweitklassige Prominente, die vor allem für ihr Bankkonto bekannt war. Bis 2004 ihr damaliger Freund Rick Salomon – 13 Jahre älter als sie – ohne ihr Wissen ein Video von ihnen beiden veröffentlichte, auf dem sie Sex hatten, Titel: „1 Night in Paris“.

Paris wurde auf einen Schlag berühmt. Dank dieses Videos spricht man von Hilton in Pornoforen als einer „dreckigen Schlampe“, die bekommen habe, was sie verdient. Die Tatsache, dass Salomon derjenige war, der das Ganze angezettelt hatte – sie verklagte ihn nach der Veröffent­lichung – hält Porno-Konsumenten wie Popkultur-Kommentatoren bis heute nicht davon ab, Hilton als „Superschlampe“ zu verspotten. Ein Begriff, der benutzt wird, um die vorgeblich „guten Mädchen“ von den „bösen“ abzugrenzen.

Doch Hiltons Eskapaden haben ihr auch unter Mädchen und jungen Frauen eine ergebene Anhängerinnenschaft verschafft; und vor allem eine massive mediale Präsenz als eine der meistfotografierten Frauen der Welt.

Oder nehmen wir Britney Spears. Mit 17 veröffentlichte Spears ihre Debütsingle „Baby One More Time“, die umgehend ein internationaler Erfolg wurde. In dem dazugehörigen Video trägt Spears eine Schuluniform mit einem geknoteten Hemd, das ihren Bauch entblößt, Strümpfe und geflochtene Zöpfe, während sie sich herumwälzt und ihren Exfreund bittet: „Hit me baby one more time“. Später beschäftigte Spears Gregory Dark für den Dreh ihrer Videos. Dark ist ein erfahrener Pornoregisseur, der unter anderem „The Devil in Miss Jones“, „New Wave Hookers“ oder „Let Me Tell Ya Bout Black Chicks“ gedreht hat.

Von der Öffentlichkeit wird Spears ­einerseits wegen ihrer „Schlampigkeit“ ­gegeißelt – besonders nach ihren öffent­lichen Zusammenbrüchen mit dem berühmten Foto von ihr ohne Unterwäsche – andererseits wird sie hochgejubelt, weil sie angeblich eine Art ungehobelte, heiße „Sexyness“ verkörpert.

Menschen, die nicht mit der Popkultur vertraut sind, tendieren dazu, anzunehmen, dass das, was wir heute sehen, nur verstärkt derselbe Stoff ist, mit dem schon frühere Generationen aufgewachsen sind. Hat nicht jede Generation ihre „heißen“ und sinnlichen Stars, die teure und wilde Leben führen? Stimmt. Aber was heutzutage anders ist, ist das Ausmaß, in dem solche Bilder alle Alternativen des Frau-Seins verdrängt haben.

Die Flut von Softcore-Bildern hat den Pornostar-Look in der alltäglichen Kultur so normalisiert, dass alles andere dagegen prüde und nachgerade langweilig auszusehen scheint. Heutzutage wird ein Mädchen oder eine junge Frau, die nach einer Alternative zu dem Britney/Paris/Miley-­Look sucht, zu der trostlosen ­Erkenntnis kommen, dass die einzige ­Alternative zu „Fickbar-Aussehen“ das „Unsichtbar Sein“ ist.

Weil diese Bilder überall sind, sind sie so vertraut, dass wir glauben, dass das unsere ganz eigene, persönliche und individuelle Art zu denken sei. Sie haben die Macht, in den Kern unserer Identität einzudringen, so dass wir glauben, es sei unsere eigene Entscheidung, wie wir aussehen oder uns verhalten.

Doch dieser dressierte Körper ist nur die Projektionsfläche, auf der das eigene Geschlecht täglich inszeniert und ausgestellt wird. Feminin zu sein, das erfordert nicht nur die Requisiten der Hypersexualität – High Heels, enge Kleidung und so weiter –, sondern auch einen Körper, der den extrem starren Standards entspricht. Wir müssen aussehen, als würden wir Stunden im Fitnessstudio verbringen und bis zur Erschöpfung hungern. Doch wie auch immer unser Körper geformt sein mag – er ist nie gut genug.

Frauen haben den männlichen Blick so verinnerlicht, dass sie selbst zu ihren eigenen schärfsten Kritikerinnen geworden sind. Wenn sie Kleidung kaufen oder in einen Spiegel sehen, nehmen sie sich selbst Stück für Stück auseinander. Was auch immer das Problem sein mag – die Brüste zu klein oder zu groß, der Hintern zu flach oder zu dick etc. – das Ergebnis ist tiefer Selbsthass. Unser Körper wird unser Feind. Am Ende haben Frauen das, was die britische Psychologin und Gender-Wissenschaftlerin Rosalind Gill einen „narzisstischen Privatpolizei-Blick“ nennt: Einen Blick, der so verinnerlicht wurde, dass wir nicht länger externe Mächte brauchen, um zu kontrollieren, wie wir zu denken und zu handeln haben.

Es ist selbstverständlich nicht möglich, über den heutigen weiblichen Körper zu sprechen, ohne die komplizierte Beziehung zu erwähnen, die die meisten Mädchen und Frauen zum Essen haben: Wir genießen es, und doch fühlen wir uns schuldig, wenn wir essen. Unser Bedürfnis zu essen – ein elementares, existentielles Bedürfnis, wird als Zeichen von Schwäche ausgelegt.

Wo immer ich mit Frauen zusammenkomme – beim Friseur, im Fitnessstudio, in Boutiquen – höre ich lange und komplizierte Gespräche über das Abnehmen. Frauen rezitieren endlose Listen von dem, was sie gegessen haben, was sie noch ­essen möchten und was sie nicht mehr ­essen sollten. Eine Art Scham liegt über den Gesprächen, also ob jedeR sie als fett und folglich willensschwach wahrnehmen würde.

In ihrem exzellenten Buch über Körperwahrnehmung und Ernährung analysiert die feministische Philosophin Susan Bordo die Art und Weise, wie unsere Kultur dazu beiträgt, die Vorstellung der Frauen vom perfekten Körper zu formen. Die großen und mageren Körper der Frauen, die wir in Magazinen und im Fernsehen sehen, sind in Wahrheit eine Ausnahme in ihren Maßen und Proportionen. Doch weil das mehr oder weniger die einzigen Bilder sind, die wir zu sehen bekommen, nehmen wir sie als Norm wahr statt als Ausnahme und vermuten, dass das Problem bei uns liegt und nicht in der Mode- und Medienbranche, die einen atypischen Körpertyp propagiert.

Die meisten Frauen, die wegen Essstörungen in Kliniken waren, sprechen über neue Tricks, die sie von anderen Patientinnen gelernt haben, um noch schneller an Gewicht zu verlieren. Wenige sprechen von ihrem Klinikaufenthalt als Zeit der Genesung. Denn diese Kliniken kennen keine Aufklärung über Medienbilder und kulturelle Geschlechterkonstruktionen – und schon gar nicht darüber, wie man den sexistischen Bildern widerstehen könnte. Stattdessen liegt der Fokus auf der individuellen Frau und ihren vermuteten psychologischen Problemen, die ­irgendwie vom Himmel gefallen zu sein scheinen.

Je mehr das hypersexualisierte Bild die realen Bilder von Mädchen und Frauen verdrängt, desto weniger Möglichkeiten haben Frauen, dem zu widerstehen. Dem propagierten Bild zu entsprechen, ist verführerisch, weil es Frauen nicht nur eine Identität anbietet, die der Mehrheit entspricht, sondern auch die Art von männlicher Aufmerksamkeit, die sich „em­powering“ anfühlt: Die Art, wie er dich anschaut; die Art, wie er alles, was du sagst, beachtenswert findet; die Art, wie du plötzlich die unwiderstehlichste Frau der Welt geworden bist.

Das ist die Art von Aufmerksamkeit, die wir Frauen normalerweise nicht von Männern bekommen, wenn wir einen Vortrag halten, eine politische Meinung vertreten oder ihnen sagen, dass sie den Abwasch machen sollen.

Die Mädchen und Frauen, die der Belohnung dafür, dass sie sich zum Objekt machen lassen, widerstehen, müssen sich eine Identität schaffen, die im Gegensatz zur Mainstream-Kultur steht. Bei diesen jungen Frauen und Mädchen finde ich oft eine Person in ihrem Leben – sei es eine Mutter, eine ältere weibliche Mentorin oder ein Vater – die sie mit einer Art Immunisierung gegen die sexistischen kulturellen Botschaften ausstattet. Oftmals ist diese Immunisierung aber nur von kurzer Dauer. Der Ansturm der ­anderen Bilder ist zu heftig.

Immer im Sommer unterrichte ich am Institut für Medienbildung des Bostoner Wheelock College, viele der TeilnehmerInnen sind Eltern oder LehrerInnen. Jahr für Jahr hören wir dieselben Geschichten: Alle arbeiten hart daran, ihren Töchtern bzw. Studentinnen Wege aufzuzeigen, wie sie sich den sexistischen Botschaften der Popkultur, die quasi identisch ist mit der Pornokultur, verweigern können.

In jungen Jahren scheinen die Mädchen diese Gegenkultur noch aufzunehmen. Ab einem bestimmten Punkt jedoch – meist in der Pubertät, immer öfter auch schon früher – übernehmen auch diese Mädchen konventionelle „weibliche“ Verhaltensweisen, da jetzt ihre Altersgenossinnen, ihre Peergroup den entscheidenden Einfluss haben. Das ist logisch, denn Erwachsenwerden ist eine Entwicklungsstufe, die auch damit zu tun hat, sich in die Gesellschaft einzufügen.

Tatsächlich wird man in der Pubertät seltsamerweise sichtbar, indem man wie alle anderen aussieht, während anders auszusehen und sich anders zu verhalten, bedeutet, unsichtbar zu werden.

Was diese Mädchen und jungen Frauen also brauchen, um weiter der dominierenden Pornokultur widerstehen zu können, ist eine Gruppe Gleichaltriger, die genauso denken wie sie. Und sie brauchen eine Weltsicht, die die konstruierte, ausbeuterische und konsumgesteuerte Natur der „Weiblichkeit“ in der Popkultur entlarvt. Die Rede ist vom ­lebensrettenden Feminismus.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Pornland" von Gail Dines.
Das Buch kann im EMMA-Shop bestellt werden oder als Geschenk zum EMMA-Abo.

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Sexroboter: Wie praktisch!

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Die „Gummi-Susi“, wie man sie in der Schweiz auch nennt, hat gegenüber echten Frauen so einige Vorteile. 1. Sie „macht garantiert alles mit!“ 2. Sie „stellt keine Erwartungen!“ Und 3. ist ihr „stilles Lächeln nach einem anstrengenden Tag“ ein ‚echter Segen‘. Und nicht nur das. Mann kann der Gummi-Susi, nachdem mann ihr in den Mund gewichst hat, auch einfach die Zunge rausnehmen, und den Schmand mit einem Wischlappen beseitigen. Wie praktisch.

Die Gummi-Susi – blonde Haare, große Brüste, blauen Augen – ist das beliebteste Modell des Schweizer „Escort-Service“ für Sexpuppen: Der Firma, die „Dolls for passion“ verkauft, sitzt in Kaltbrunn im Kanton St. Gallen. Ihre Sexpuppen haben Namen wie Carmen, Sai, Amara oder Alektra. Die Inhaber, Valentin Marjakaj und Valdrin Nikaj, haben zur Werbung für ihr Produkt einen kleinen Vergleich auf ihrer Webseite aufgestellt: Wer ist besser, Frau/Prostituierte oder Sexpuppe? Mit einem Pro für die Sexpuppe.

Wer eine dieser auf Fotos täuschend echt aussehenden Silikonpuppen mit „beweglichem Skelett aus Stahl“ einen Tag lang mieten will, zahlt 950 Franken. Die „RealDoll“ wird als Polizistin, Putzfrau oder Krankenschwester gekleidet „diskret“ nach Hause geliefert und auch wieder abgeholt. Wer die Sexpuppe kaufen will, zahlt rund 10.000 Franken. Das sei über die Jahre günstiger, als eine Prostituierte, rechnen die Doll-Händler Marjakaj & ­Nikaj vor. Außerdem: „Eine Liebespuppe wird nie Ihr Portemonnaie entwenden.“

Die „RealDolls“ kommen aus einer Fabrik in Kalifornien. Man kann sie nicht nur in St. Gallen, sondern auch in Berlin oder Barcelona bestellen wie eine Pizza. In Kalifornien hängen die Silikonkörper mit riesigen Brüsten, schmalen Taillen und ­gespreizten Beinen wie geschlachtete Schweine an Haken von der Decke. Bis sie jemand mietet oder erwirbt.

Ihr Schöpfer, der einstige Kunststudent Matt McMullen, hat vor über 20 Jahren damit angefangen, in seiner Garage Frauenkörper zu modellieren. Möglichst echt sollten sie wirken. Als er begann, diese Figuren im Internet auszustellen, kamen prompt die ersten Anfragen: Sind die auch für Sex zu gebrauchen? Heute exportiert McMullen mit seiner Firma „Abyss Creations“ Sexpuppen in die ganze Welt, nach eigenen Angaben mindestens zehn pro Woche. Kostenfaktor: zwischen 5.000 und 50.000 Dollar.

Die Kunden können sich „ihre Traumfrau“ online selbst zusammenstellen: von der Gesichtsform und den Lippen über die Augen-, Haar- und Nippelfarbe bis hin zu den Körpermaßen und zur Form und Größe der inneren Schamlippen. Maßanfertigungen nach Foto sind auch möglich – zum Beispiel der Ex-Freundin oder der Kollegin.

Aber das alles ist nur ein Zwischenschritt hin zu McMullens eigentlichem Vorhaben. Er möchte in nicht allzu weiter Ferne seine Puppen mit Hilfe der rasanten Entwicklung in Robotik und künstlicher Intelligenz zum Leben erwecken. Glaubt man dem modernen Frankenstein, ist er davon nur noch einen ganz kleinen Schritt entfernt. Und McMullen ist nicht der einzige, der an der Puppenfrau arbeitet. Der Guardian hat kürzlich vom „Wettlauf um den ersten Sexroboter“ berichtet – von Japan bis nach Kalifornien.

Wen wundert das. „Pornografie ist ein Motor für technologische Innovation“, schreibt schon Gail Dines in ihrem Buch „Pornland“ (siehe S. 52). Die Pornografie profitiert nicht nur von technologischer Entwicklung, sie hat auch gezielt dazu beigetragen, Technologien und Vermarktungsstrategien zu entwickeln. Um einen eigenen Porno-Markt zu schaffen. So bei der VHS-Videokassette und der DVD; bei Video-on-Demand-Angeboten für das Fernsehen und Video-Streaming auf dem PC oder dem Handy; bzw. bei Computerspielen inklusive der derzeit sehr angesagten Virtuellen Realität. Und nun also auch bei der Robotik und der Forschung zur künstlichen Intelligenz.

Zum Beispiel „Harmony“. So heißt Matt McMullens Schöpfung. Seine Sexroboterin hat den herkömmlichen Sexpuppen etwas voraus: Da, wo beim Menschen das Gehirn sitzt, sitzt bei Harmony ein kleiner Computer, der drahtlos mit einer Software auf dem Tablet oder dem Handy verbunden ist. Diese Software kann Gespräche führen und sich bestimmte Dinge merken, zum Beispiel ein Geburtsdatum.

Die Informationen, die Harmony mit der Zeit über ihren Besitzer lernt, sind in der Cloud in einer Datenbank abgespeichert. „Harmony weiß dann zum Beispiel auch, wie oft jemand Sex will und welche seine Lieblingspositionen sind“, schwärmt McMullen. Harmony klimpert dazu etwas unrhythmisch mit den Glasaugen, zieht hin und wieder skeptisch eine ihrer künstlichen Augenbrauen hoch und ruckelt mit ihrem Köpfchen.

So ein Sexroboter, erklärt McMullen, verfüge auch über verschiedene Persönlichkeitsmodi, die konfiguriert wie kombiniert werden können – von schüchtern bis lüstern. Bald soll der Silikonkörper auch ein Heizsystem kriegen, um Körperwärme zu simulieren. Und er wird mit Sensoren ausgestattet sein, damit Harmony auch dann reagiert, wenn ihr jemand an die riesigen Silikonbrüste packt. „Mit der richtigen Stimulation an den richtigen Sensoren kann Harmony dann sogar einen Roboter-Orgasmus haben, einen Robogasmus“, erläutert McMullen.

Laufen kann Harmony noch nicht – diese Technologie ist bisher zu teuer. Sie kann also auch nicht weglaufen. Aber sie kann einfache Gespräche führen. Wenn McMullen seine Sexroboterin fragt, was sie will, antwortet sie mit knarksiger Mädchenstimme: „Ich will nur dich!“ Und: „Meine Hauptaufgabe ist es, dich glücklich zu machen!“ Wie schön. Und wie beruhigend. Für die Käufer. In tausend Exemplaren soll Harmony bis Ende des Jahres auf den Markt kommen.

„Harmony wird für sehr, sehr viele Männer eine Leere füllen“, prophezeit McMullen. Zum Beispiel „für die Schüchternen, die unfähig sind, mit echten Frauen zu sprechen.“ Die RealDolls gibt es übrigens auch in männlicher Variante. Aber auch die werden quasi ausschließlich von Männern bestellt.

Die Sozialpsychologinnen Nicole Krämer und Jessica M. Szczuka von der Universität Duisburg-Essen haben kürzlich in einer der raren seriösen Studien zum ­Thema untersucht, ob und unter welchen persönlichen und sozialen Umständen Männer sich von einem Sexroboter angezogen fühlen. 122 der 229 von ihren nach dem Zufallsprinzip Befragten zwischen 18 und 67 Jahren lebten in einer Beziehung. Das Ergebnis: Fast jeder zweite Mann konnte sich durchaus vorstellen, sich „sofort“ oder „in den nächsten fünf Jahren“ eine Sexroboterin zu kaufen – und zwar unabhängig davon, ob er Single war oder nicht.

Was die Forscherinnen noch herausfanden: Das Gefühl von Einsamkeit, der Wunsch nach sozialen Kontakten oder ein Interaktionsdefizit im Umgang mit echten Menschen spielten für den Traum von der Sexroboterin keine Rolle. Oder um es mit ihren Worten zu formulieren: „Die typische Vorstellung des einsamen Nutzers, der nicht fähig ist, eine Beziehung zu anderen Menschen einzugehen und sich stattdessen eine Sexpuppe oder einen ­Roboter zulegt, konnte empirisch nicht untermauert werden.“

Es ist inzwischen zehn Jahre her, dass der Schachweltmeister, Computerexperte und Prostitutionsbefürworter David Levy, 72, in seinem viel diskutierten Buch „Love and Sex with Robots“ prophezeite, dass in rund 50 Jahren „Beziehungen“ mit Robotern zum Alltag gehören würden. „Ganz wie Beziehungen mit echten Menschen“. Levy traut den Robotern dank enormer Fortschritte im Bereich der künstlichen ­Intelligenz sogar eine größere Empathie-­Fähigkeit zu „als dem durchschnittlichen amerikanischen Mann.“

Zum dritten Mal findet im Dezember die von Levys Buch inspirierte Konferenz „Love and Sex with Robots“ im Swinging-London statt. Wie auch schon im Vorjahr. Eigentlich war das Treffen 2016 in ­Malaysia angesetzt. Aber der streng-islamische Staat verbot die Konferenz. Die renommierte Goldsmith University sprang ein und öffnete den Roboter-Apologeten ihre Pforten.

Auf David Levy sind die meisten – kühnen – Thesen zurückzuführen, die derzeit über Liebe und Sex mit Robotern durch die Medien und durch die Wissenschaft gaukeln. Sie lauten: 1. Sexroboter sind, ähnlich dem Vibrator, eine aufregende ­Erweiterung des Sexuallebens. 2. Männer haben sexuelle Phantasien, die sie mit ­(lebendigen) Frauen nicht ausleben können – deswegen brauchen sie dafür einen (leblosen) Sexroboter. 3. Dank der Sexroboter werden in der Zukunft Vergewaltigungen und Zwangsprostitution abnehmen.

In der Tat: In der Altstadt von Barcelona hat kürzlich das erste Bordell mit Sexpuppen eröffnet (die Roboter sind ja noch nicht fertig). Der Trend aus Japan und China ist also auch in Europa angekommen. Allerdings musste das Haus nach Protesten direkt wieder schließen. Proteste unter anderem von den alteingesessenen Prostituierten im Viertel. Eine klagte: „Das ist eine weitere Strategie, uns als ­Objekte ohne Seele zu verkaufen“. 

Zu einem ganz ähnlichen Schluss kommt auch die Anthropologin Kathleen Richardson. Sie forscht an der De Montfort University im britischen Leicester unter anderem zur „Ethik in der Robotik“. Und sie warnt: Sexroboter sind eine Bedrohung für die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen – und eine Fortführung der Prostitution mit anderen Mitteln. Deswegen hat sie 2015 zusammen mit dem Informatiker Erik Billing von der University of Skövde in Schweden eine „Kampagne gegen Sexroboter“ ins ­Leben gerufen. Tenor: „Wir sind überzeugt, dass die Entwicklung von Sexrobotern zu der weiteren Objektifizierung von Frauen und Kindern beitragen wird.“

Richardson und ihre MitstreiterInnen fordern die Entwickler in der Computer-Technologie und Robotik dazu auf, endlich ethische Standards zu definieren, die sowohl die Menschenwürde als auch die Freiheit einzelner wahren. Über einen Trend sind die ExpertInnen besonders entsetzt: der internationale Markt für Kindersexpuppen wächst.

Alexandra Eul

 

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