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Kanada: Suche nach dem Glück!

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Ich betrete das Zukunfts-Labor an einem Sommertag. Das Labor heißt Kanada und es ist fast 10 Millionen Quadratkilometer groß. Das Experiment gilt in vielen Teilen der Welt als unerhört, wenn nicht ­lebensgefährlich: Es heißt Feminismus.

Das Land wird seit über zwei Jahren von einem Mann regiert, der etwas ausprobiert, was vor ihm noch kein Staatschef getan hat. Er hat die Frauenrechte zum Leitmotiv erklärt. Die Rede ist von Justin Trudeau, der gerne immer wieder laut verkündet: „I am a Feminist!“ Kanada gilt als eines der glücklichsten Länder der Welt – aber gilt das für die kanadischen Frauen genauso wie für die kanadischen Männer? Ich habe zwei Monate Zeit, das herauszufinden. Meine Forschung beginnt in Toronto, Kanadas Metropole am Ontariosee.

Toronto ist so, wie man sich Kanada vorstellt: weltgewandt, offen, sympathisch, hip und auch ein bisschen schrullig. Hier kann man in die Häuserschluchten von Downtown genauso eintauchen wie in Viertel mit Namen wie Little Italy, Little Portugal, China Town oder Kensington Market. „Wir sind schließlich alle Einwanderer“, diesen Satz hört man häufig, die KanadierInnen sind berühmt für ihre „Openness“. Es ist gar nicht einfach, hier eine Frau zu finden, die nicht mit dem Feminismus sympathisiert. „Sag mal, stimmt es, dass es bei euch in Deutschland ein extra Wort für schlechte Mütter gibt?“, fragt mich eine Wirtschaftsjournalistin. Ja, gibt es. Die Rabenmutter.

Aber in Toronto explodieren auch die Mietpreise und wer hier eines der hübschen viktorianischen Häuschen kaufen will, zahlt Millionen. Alle, die sich das nicht leisten können, werden aus der Stadt herausgedrängt. Frauen kann das ganz besonders treffen, welche alleinerziehende Mutter soll das bezahlen? Die Zahl der Obdachlosen ist auffällig hoch, und es sind häufig Schwarze oder Indigene, die auf der Straße hocken und betteln.

Die Metropole Toronto ist mit einer Fläche von 630 Quadratkilometern kleiner als Hamburg. Bleiben weit über neun Millionen Quadratkilometer Kanada übrig. Trudeau muss für alle Politik machen: für moderne StädterInnen im frankophonen Montreal im Osten genauso wie für die im anglophonen Vancouver im Westen; für die ArbeiterInnen in den Ölstädten in Alberta wie für die LandwirtInnen, die in den Weiten Manitobas die Maisfelder bestellen. Und nicht zu vergessen für die indigenen Communities, sprich: für die First Nations, für die Métis als Nachkommen von europäischen Siedlern und indigenen Frauen und für die Inuit ganz nördlich im arktischen Nunavut.

In Kanada leben rund 18 Millionen Frauen. In der Cafeteria der Rotman School of Management in Torontos Universitäts-Viertel treffe ich eine Frau, die sich mit dem Leben der Kanadierinnen auskennt: die Wirtschaftsprofessorin Beatrix Dart. Sie hat die Initiative for Women in Business initiiert.

In Kanada läuft es nicht viel anders als in Deutschland: „Hier sind zwar 80 Prozent der Frauen berufstätig, aber eine große Zahl arbeitet nur in Teilzeit, weil die Frauen gleichzeitig noch den Haushalt schmeißen und die Kinder groß ziehen“, erzählt Dart. Die Folgen sind bekannt. 26 Prozent beträgt laut Statistics Canada der unbereinigte Gender Pay Gap (Deutschland: 22 Prozent). Die Ursachen für die Einkommensschere liegen auch in Kanada in der Erwerbsbiografie. Zwar machen ­inzwischen mehr Kanadierinnen einen Hochschulabschluss als Kanadier (41 zu 29 Prozent) – aber sie arbeiten in schlechter bezahlten Dienstleistungsberufen, in der Pflege oder Bildung. Die in Kanada wirtschaftlich relevante Großindustrie – sprich die Rohstoffförderung von Öl und Gas, die Fischerei oder das Baugewerbe – sind zu 80 bis 90 Prozent männlich ­besetzt. Überall auf der Welt das gleiche.

Und so manche Kanadierin hängt auch immer noch an der „romantischen wie konservativen Vorstellung, dass der Mann sie bis an ihr Lebensende versorgen sollte“, sagt Dart. Trudeau platzt mit seiner progressiven Geschlechter-Politik also mitten in eine Gesellschaft hinein, die eine moderne Schale hat, aber einen konservativen Kern, geprägt von der Ära Stephen Harper. Unter dessen konservativen Partei stand in den Jahren 2006 bis 2015 das Recht auf Abtreibung genauso unter Beschuss wie die gerade erst legalisierte Homo-Ehe, Harper galt als unnahbar und kühl.

Justin Trudeau ist das Gegenteil, das erlebe ich auf dem ersten kanadischen Women in the World Summit in der Art Gallery of Ontario. Die US-Journalistin Tina Brown hat ihren Frauengipfel aus dem Trump-Land nach Kanada exportiert. Und der Premierminister ließ es sich nicht nehmen, auf dem Gipfel aufzu­treten. „Ein paritätisches Kabinett trifft einfach bessere Entscheidungen“, sagt Trudeau mit warmer und ruhiger Stimme. Er verspricht für das Freihandels­abkommen NAFTA zwischen Kanada, USA und Mexiko ein Gender-Kapitel, so wie es schon mit Chile ausgehandelt wurde. Und was werden die Männer dazu ­sagen? Ja, die werden „einen Teil ihrer Macht verlieren, wenn wir Frauen fördern wollen“, sagt der erste Mann des Landes. Eine Macht, die sie ja ohnehin „zu ­Unrecht haben“, fügt er hinzu.

„Woher hatte dein Vater denn seine ­feministische Seite?“, will Tina Brown vom Sohn des früheren kanadischen Premierministers Pierre Elliott Trudeau wissen. Sohn Justin lacht, etwas unsicher. „Ich weiß nicht, ob wir ihn unbedingt ­einen Feministen nennen sollten ...“, antwortet er. „Er hat mir alles über Gerechtigkeit beigebracht – aber seine Ansichten waren dennoch sehr old school.“

Justin, ältester von drei Söhnen, hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass seine Mutter Margaret Sinclair Trudeau sein „role model“ in Sachen Frauenrechte war. Sie war 22 Jahre alt, als sie den 30 Jahre älteren Trudeau Senior 1971 heiratete. Das Leben als First Lady hatte die erklärte Feministin immer als „Gefängnis“ empfunden – die Fotos von ihr auf Partys im New Yorker Studio 54 landeten in der Klatschpresse. Später erst machte Margaret öffentlich, dass sie manisch-­depressiv ist. Dass Sohn Justin heute so empathisch mit Frauen umgeht, hat auch damit zu tun, dass er die Schattenseiten eines Frauenlebens gut kennt.

Justin Trudeau ist mit der Fernseh­moderatorin ­Sophie Grégoire verheiratet, die beiden haben zwei Söhne und eine Tochter. Den Deutschen ist vermutlich die Landung der Trudeaus beim Hamburger G-20 Gipfel im Gedächtnis geblieben: Justin und Sophie spielten mit Sohn Hadrien Engelchen flieg. Von Stufe zu Stufe: Uuuund hop!

In der Art Gallery of Ontario endet der Auftritt des jungen Staatschefs auf dem Frauengipfel mit einem Showdown. Der Premierminister verlässt die Bühne nicht nach hinten, wo die Sicherheitsleute auf ihn warten. Nein, Trudeau schreitet nach vorn, mitten in sein Publikum hinein. Er schüttelt Hände, lässt sich umarmen, macht Selfies. Er wird gefeiert wie ein Popstar. Und er lässt sich feiern.

Doch Trudeaus Brandreden für den ­Feminismus, die er mit einer gewissen ­Regelmäßigkeit hält, sorgen bei den ­Kanadierinnen häufig nur noch für müdes Schulterzucken. Die liberale Regierung hat Halbzeit und die Frauen werden ungeduldig. Trudeau hat ihnen viel, vielleicht zu viel versprochen. „Er kümmert sich nur um sein Image und handelt zu wenig“, lautet die einhellige Antwort auf die T-Frage. Junge wie ältere Frauen, Queere, MigrantInnen und Indigene, also genau die, die in Trudeau die größte Hoffnung gesetzt haben, scheinen enttäuscht.

Ist das Feminismus-Experiment gescheitert? Im Netz gibt es eine Seite, die „TrudeauMeter“ heißt. Sie misst, was der Premier versprochen und was er eingelöst hat. Das Maß schwankt. Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat zur Mitte des Jahres eine 29-seitige Analyse der Fortschritte in Sachen Frauenrechte unter Trudeau vorgelegt und schreibt diplomatisch: „Die liberale Regierung hat mehrere wichtige Schritte eingeleitet, aber ihre mutige feministische Rhetorik ist noch nicht ausreichend in politische Entscheidungen und in finanzielle Investitionen übersetzt worden.“

„Because it’s 2015!“ lautete Trudeaus lässiger Satz, mit der er seine Entscheidung begründete, das Kabinett paritätisch zu besetzen. Seine Regierung hat seither mit einem Analysetool namens „Gender Based Analysis Plus“ alle Politikbereiche auf Geschlechtergerechtigkeit hin durchleuchtet – und in diesem Jahr erstmals ­einen Haushaltsplan vorgelegt, der ein ­eigenes „Gender-Budget“ enthält. Und während die US-Amerikanerinnen um ihre Zukunft unter Ober-Macho Trump bangten, ernannte Trudeau im Januar 2017 eine erklärte Feministin zu seiner Außenministerin: Chrystia Freeland, zuvor Handelsministerin.

Doch das kanadische Kabinett mag zur Hälfte mit Frauen besetzt sein, das kanadische Parlament hat mit 27 Prozent einen Frauenanteil, der niedriger ist als in Deutschland (31 Prozent). Der moderne Vater Justin Trudeau hat zwar gerade erst die Elternzeit reformiert – bleibt damit aber immer noch weit hinter Ländern wie Schweden zurück. Mit Ausnahme der Provinz Quebec gibt es in Kanada bislang keine Vätermonate.

Die Liberalen haben unter Entwicklungsministerin Marie-Claude Bibeau zwar mit der „Feminist International ­Assistance Policy“ die Frauenrechte zum Maßstab ihrer Entwicklungszusammen­arbeit erklärt; samt 650 Millionen kanadische Dollar, die über drei Jahre in die Aufklärung über Gesundheit und sexuelle Selbstbestimmung in Entwicklungsländern investiert werden sollen. Dennoch ernten sie scharfe Kritik für ihre Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien. Oxfam klagt: „Die Regierung kann sich nicht glaubhaft für globale Frauenrechte einsetzen, solange sie weiter Waffen an Länder verkauft, die diese dann benutzen, um gegen Oppositionelle und gegen die Rechte von Frauen vorzugehen.“

Und dann ist da noch der schwelende Konflikt mit Quebec. Der frankophone Teil Kanadas hegt seit Jahrzehnten Unabhängigkeitsbestrebungen. In Montreal treffe ich junge, moderne Quebecois, die sich eine größere Unabhängigkeit wünschen. Und eine größere Wertschätzung ihrer Kultur. Und es gibt noch einen Streitpunkt, der sich verschärft. In der Provinz Quebec ist seit diesem Herbst die Verhüllung des Gesichts in Ämtern, Schulen und öffentlichen Verkehrsmitteln verboten, also auch: das Tragen eines ­Niqabs oder einer Burka. Es ist das erste Gesetz dieser Art in Nordamerika. Und es ist kein Zufall, dass es in Quebec erlassen wird. Nachdem die Region jahrzehntelang von der katholischen Kirche unterjocht wurde, ist das Misstrauen in jede Form von religiösem Fundamentalismus hier groß. Gleichzeitig ist die Zahl der MigrantInnen aus den französischsprachigen Maghreb-Staaten hoch. In Kanada ­leben über eine Million Menschen mit muslimischem Hintergrund. Unter den Minderheitenreligionen ist der Islam derzeit die, die am schnellsten wächst. Was auch wächst, ist der Einfluss der Islamisten. Und was sagt der feministische Premierminister dazu? „Es ist nicht die ­Aufgabe einer Regierung, Frauen vorzuschreiben, was sie tragen sollen.“ Die ­Burka, eine Modefrage? Für seine unkri­tische, pseudo-tolerante Haltung gegenüber dem politisierten Islam wird ­Trudeau nicht nur von liberalen Musliminnen scharf kritisiert.

Und dann ist da natürlich noch diese eine Sache, an der Trudeaus politische Rolle gemessen wird, wie an kaum einer anderen: die überfällige Aufklärung der Morde an weit über tausend indigenen Mädchen und Frauen. Nachdem diese systematischen Frauenmorde in Kanada jahrzehntelang schlicht geleugnet wurden, hatte Trudeau 2015 als erster kanadischer Premier versprochen, sich gezielt um die Aufklärung zu kümmern.

Und es sind ja nicht nur die indigenen Frauen, die unter einem „kaputten System“ leiden, wie The Globe and Mail den Umgang von Kanadas Justiz mit (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen bezeichnet. Kanada habe zwar ein sehr „fortschritt­liches Sexualstrafrecht“, aber es wird nicht angewendet, konstatiert die Tageszeitung. In einer 20-monatigen Recherche hatte eine Reporterin zusammen mit einem Team aus DatenjournalistInnen Daten­sätze von 870 Polizeistationen auf den Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt analysiert. Ergebnis: Eine von fünf Anzeigen wird fallengelassen, gilt also als „unfounded“, weil der Polizist dem Opfer nicht glaubt. Die Trudeau-Regierung hat versprochen, 100 Millionen kanadische Dollar zu investieren, um eine nationale Strategie gegen sexualisierte Gewalt zu entwickeln.

„Die Hälfte der Frauen in Kanada haben seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal eine Form von körperlicher oder sexueller Gewalt erlebt“, erklärt auch die Canadian Women’s Foundation. Entsprechend groß war der Zorn der Kanadierinnen, als der Polizist Michael Sanguinetti bei einem Vortrag in der Osgoode Hall Law School in Toronto 2011 erklärte, dass „Frauen es doch einfach vermeiden sollten, sich wie Schlampen anzuziehen, wenn sie nicht zu Opfern werden wollen.“ Das war die Geburtsstunde der Slutwalks, die bald weltweit antraten. „It’s a dress, not a yes!“ stand da auf den Plakaten, oder einfach nur: „Nein heißt Nein!“

In seiner Geburtsstadt findet der Slutwalk immer noch statt – wenn auch in deutlich kleinerem Ausmaß. Und der Ton ist auch ein anderer. „Sexwork is real work!“ brüllen die rund hundert DemonstrantInnen im Barbara Hall Park an der Church Street, mitten im Schwulen- und Lesbenviertel der Stadt.
Der Slutwalk war in Kanada – ganz wie in Deutschland – von Anfang an mit der Pro-Prostitutionslobby verbandelt. In diesem Jahr war Maggie’s Toronto das erste Mal offizieller Partner der Schlampenmärsche, eine Pro-Prostitutions-Organisation vergleichbar mit Hydra in Berlin. Berlin ist rund 6.500 Kilometer weit weg, aber an diesem regnerischen Nachmittag im August fühlt es sich für mich so an, als läge Berlin gleich nebenan.

Kanada hat sich von diesen Stimmen nicht beeindrucken lassen und vor drei Jahren unter den Konservativen die Freier­bestrafung eingeführt – zur Freude von Bridget Perrier. Sie hat in Toronto die Beratungsstelle Sextrade101 mitgegründet. Die Ex-Prostituierte ist eine der Schlüsselfiguren, der die Freierbestrafung in Kanada zu verdanken ist.

Als ich nur wenige Tage vor meiner Abreise zurück nach Deutschland mit meiner Vermieterin Laura-Louise in Toron­to im Park sitze, fragt sie mich, warum die Europäerinnen eigentlich so Trudeau-fixiert seien, Deutschlands Staats­chefin hätte ja schließlich „sogar eine Vagina“. „Na ja, mit Merkel und den Frauen ist das manchmal auch nicht so einfach ...“ setze ich zu einer Antwort an – und in diesem Moment fällt mir eine Parallele zwischen den beiden auf. Justin Trudeau wird in Kanada von Kritikern als „Justine“ mit den „schönen Haaren“, also als zu weiblich und deshalb inkompetent verun­glimpft; Angela Merkel wird zu wenig Weiblichkeit angekreidet. „Das“ Merkel tönt es hinter vorgehaltener Hand oder „wie ein Mann“ klagen manche. Beide StaatschefInnen brechen also mit der ­Geschlechterrolle.

Ich verlasse das Zukunfts-Labor an ­einem Herbsttag. Beim Einsteigen ins Flugzeug frage ich mich: Sind die Kanadierinnen denn jetzt glücklich? Läuft Trudeaus Feminismus-Experiment? Die Antwort lautet: Jein.

Alexandra Eul

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Trudeau auf Deutschland-Visite

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22. Januar 2016: Kanadas Premierminister Justin Trudeau sitzt im hellblauen Hemd auf der Bühne des Weltwirtschaftsforums im winterlichen Davos. Er erklärt dem Publikum, wie er mit seiner Ehefrau Sophie die Erziehung der drei gemeinsamen Kinder diskutiert. Sophie habe ihn vor einigen Monaten auf die Seite genommen und gesagt: Großartig, wie du deine Tochter ermunterst und ihr Selbstwert­gefühl bestärkst – aber: Er müsse sich auch Zeit nehmen, mit seinen Söhnen darüber zu sprechen, wie man Frauen richtig behandle „und wie sie ein Feminist wie ihr Vater werden können.“

Das sind ungewohnte Töne im Kreis der Magnaten und Protaganisten der internationalen Finanz- und Politikwelt. Trudeau setzte noch einen drauf: „Und übrigens, wir sollten keine Angst vor dem Wort Feminist haben. Jede Frau und jeder Mann sollten sich so nennen können.“ Im Saal bricht lauter Jubel aus.

In Kanada kennt man den neuen Premierminister schon von dieser Seite. Es hat ein umwälzender Generationenwechsel stattgefunden. Justin Trudeau ist 44 Jahre alt, seine Frau Sophie 40. Gleich bei seiner Vereidigungszeremonie machte Trudeau klar, dass unter seiner Ägide vieles ganz anders wird. Die Hälfte seines Kabinetts Frauen, genau wie er es im Wahlkampf versprochen hatte. Als er an jenem Tag von einem Journalisten gefragt wurde, warum er soviele weibliche Minister habe, erwiderte er: „Weil es 2015 ist!“

Er ist sehr stolz, ein Feminist zu sein: Because
it's 2015!

Die 15 Frauen in seiner Regierung müssen sich keineswegs mit unwichtigen Posten bescheiden. Dem neuen Ministerium für Umwelt und Klimawechsel zum Beispiel steht die 44-jährige Juristin Catherine McKenna vor. Ministerin für Internationalen Handel ist die Kanada-Ukrainerin und Journalistin Chrystia Freeland (47). Vor allem überraschte die Besetzung des Justizministeriums: Die 44-jährige Anwältin Jodi Wilson-Raybold ist Indianerin und heute wohl die mächtigste First-Nations-Frau Kanadas. „Ich bin stolz, ein Feminist zu sein“, hatte Trudeau in einem Interview mit der kanadischen Zeitung Toronto Star erklärt. Seine Mutter habe ihn dazu erzogen.

Trudeau stellte ebenso sicher, dass ­Kanadas Minoritäten in der liberalen ­Regierung angemessen vertreten sind: Verteidigungsminister Harjit Sajjan etwa ist ein in Indien geborener Sikh und trägt einen Turban.

Der Premierminister wirkt wie ein frischer Wind in der kanadischen Politik. Sein Vorgänger, der Konservative Stephen Harper, war geheimniskrämerisch und autokratisch, seine Minister, Bürokraten und Wissenschaftler durften nur mit Harpers Erlaubnis Interviews geben. Der gutaussehende, leutselige Trudeau dagegen ist offen und umgänglich. Auf der Straße fliegen ihm die Herzen zu. Selfies mit Passanten sind für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und am Morgen nach seiner Wahl, die bis in die späte Nacht dauerte, stand er extra früh auf, um den Pendlern morgens in der U-Bahnstation seines Wahlkreises in Montreal zu danken.

„Je aufmerksamer ich bin und je näher den Leuten, desto besser kann ich ihnen dienen.“ Solche Sätze, die man nicht jedem Politiker abnehmen würde, trägt der neue Regierungschef mit einer glaubhaften Überzeugung vor.

Justin Trudeau trägt seinen berühmten Familiennamen, der Segen und Fluch zugleich ist, mit Fassung. Sein verstorbener Vater Pierre Elliott Trudeau war mit einer kurzen Unterbrechung insgesamt 15 Jahre lang Kanadas Premierminister und ist bis heute eine nationale Legende. Als sich sein Sohn für die Politik entschied, maß man ihn sogleich am Charisma des Vaters. Andrerseits wurden ihm auch dessen Fehler vorgeworfen. Justin Trudeau erwähnt seinen Vater relativ selten, aber er wird natürlich oft auf ihn angesprochen. „Er lehrte mich, die Rechte aller zu respektieren und zu verteidigen“, sagte er auf eine solche Frage, „und meine Identität basiert ­darauf.“

Justin und Sophie Trudeau mit ihren Kindern.
Justin und Sophie Trudeau mit ihren Kindern.

Seine Mutter Margaret Sinclair Trudeau ist auch Europäern noch als eine bildhübsche Frau der Hippie-Ära in Erinnerung, die mit 22 Jahren den dreißig Jahre älteren Regierungschef Pierre Trudeau heiratete und mit ihm drei Söhne hatte. Doch die junge Mutter fühlte sich am Wohnsitz des Premierministers in Ottawa eingeengt. Sie war eine deklarierte Feministin, rauchte Haschisch, versuchte sich als Fotografin und brach schließlich aus der Ehe aus. Fotos, die sie bei Partys mit den Rolling Stones zeigten, gingen um die Welt. Erst viele Jahre später sprach Margaret Trudeau öffentlich über sich: Sie sei manisch-­depressiv und wolle anderen Kranken mit ihrer Enthüllung Mut machen.

Justin Trudeau wuchs mit seinen zwei Brüdern am 24 Sussex Drive auf, der ­Residenz des kanadischen Premierministers. Dort begegnete er als Kind Politikern wie Helmut Schmidt und Margaret Thatcher – und die britische Königin Elizabeth. Als Trudeau nach seinem Amts­antritt die Queen im Buckingham Palace mit seiner Familie besuchte, scherzte sie: „Danke, Herr Premierminister von Kanada, ich fühle mich so alt.“

Die sehr öffentliche Scheidung seiner Eltern kann für Justin nicht leicht gewesen sein. Er war der Vertraute seiner Mutter. Als er zwölf Jahre alt war, holte ihn eines Tages eine aufgelöste Margaret Trudeau aus der Schule. Sie wollte sich bei ihrem Sohn wegen der Trennung von einem Liebhaber ausweinen. Doch von seiner Mutter hat Trudeau gleichzeitig die Leichtigkeit geerbt, auf Menschen aller Gesellschaftsklassen zuzugehen und ihnen das Gefühl zu geben, sich ernsthaft für sie zu interessieren.

Es klingt klischeehaft, aber die Tru­deaus haben etwas vom Glanz der Kennedys – und etwas von deren Tragödien: Justins Bruder Michel kam als 23-Jähriger beim Skifahren in einer Lawine um. Später setzte sich Trudeau Junior für besseren Lawinenschutz ein.

Auch Trudeaus Ehefrau Sophie, eine Yogalehrerin und ehemalige Fernsehmoderatorin, versucht die Tiefs im Leben in etwas Positives zu verwandeln.

Freimütig erzählte sie der Öffentlichkeit von ihrer überwundenen Magersucht und gibt Ratschläge, wie junge Frauen ein besseres Selbstwertgefühl aufbauen können. Als sie einmal nach einer Schwäche ihres Gatten gefragt wurde, sagte sie: „Er ist ein Kopfmensch. Er intellektualisiert vieles.“

Sophie Trudeau teilt mit ihrem Mann das Engagement für Benachteiligte: Weihnachten halfen sie gemeinsam, für arme Familien Kartons mit Geschenken zu füllen. Trudeau ist überzeugt, dass sich die meisten Kanadierinnen und Kanadier als hilfsbereite, sozial denkende Menschen sehen, als Friedensstifter und Advokaten der Schwächeren. Deshalb hat er jetzt spontan die Türen des Landes für 25.000 syrische Flüchtlinge geöffnet.

Er kümmert
sich um ver-
schwundene indigene Frauen

Ein anderes Wahlversprechen setzt die liberale Regierung nun auch um: Ein Sonderausschuss wird untersuchen, warum in den vergangenen 30 Jahren fast 1.200 indigene Frauen verschwunden bzw. Mordopfer geworden sind. Trudeaus Vorgänger Stephen Harper wollte sich nicht mit diesem Problem befassen. Die neue Regierung indes stellt rund 27 Millionen Euro für die seit langem geforderte Untersuchung der Schicksale dieser ­Gewaltopfer unter den sozial stark benachteiligten Eingeborenen zur Verfügung. Frauen der First Nations, Inuit und Métis machen lediglich rund vier Prozent der Kanadierinnen aus, aber 16 Prozent der erwiesenen Mordopfer sind Indigene. „Wir haben diese Untersuchung zur Priorität meiner Regierung erhoben, weil jene, die von dieser nationalen Tragödie betroffen sind, lang genug gewartet haben“, sagte Trudeau.

Viele indigene Frauen ziehen von ihren isolierten Reservaten in kanadische Städte und finden sich nicht zurecht. Sie haben keine Ausbildung, und manche sind bereits in den Reservaten Opfer häuslicher und sexueller Gewalt geworden. Sie enden oft als Drogenabhängige und Prostituierte – und werden so zur Beute von Gewalttätern. Indianische Mädchen sind besonders gefährdet. Sie befinden sich häufig in der Obhut des Staates und werden oft mehr schlecht als recht von Sozialdiensten betreut. Viele Teenager reißen aus, landen auf der Straße und auf dem Strich. Es ist eine gefährliche und hoffnungslose Existenz.

Justin Trudeau kennt Armut und Elend nicht aus eigener Erfahrung. Er ist Millionär und kann sich Familienurlaube in ­luxuriösen Hotelanlagen auf karibischen Inseln leisten. Aber seine politische Karriere fiel ihm nicht einfach in den Schoß. In jungen Jahren suchte er nach einem Lebensziel, während er als Snowboardlehrer und Türsteher eines Nachtclubs und später als Theaterlehrer arbeitete.

Für den Einstieg in die Politik wählte Trudeau eine Herausforderung: Er ließ sich von den Menschen im ärmsten Arbeiterviertel von Montreal ins kanadische Parlament wählen. Später schaffte er es mit überwältigender Mehrheit der Stimmen zum Vorsitzenden der Liberalen Partei Kanadas. Im Wahlkampf um das Amt des neuen Premierministers trauten ihm anfänglich nicht viele Medienbeobachter einen Sieg zu. In Fernsehspots machten ihn die politischen Gegner lächerlich und behaupteten, er sei „einfach nicht bereit“ für dieses Amt. Aber Tag für Tag stellte Trudeau nicht nur seinen Schelm und Charme, sondern vor allem seine Kompetenz und Ausdauer unter Beweis. Am Wahltag führte er seine Partei mit einem überraschenden Erdrutschsieg an die Macht.

Die Welt nahm vom neuen Mann an der Spitze Kanadas Notiz – und auch davon, dass er jung und attraktiv ist. Manche ausländischen Medien bezeichneten ihn als sexy. Justin Trudeau ist dieses Interesse willkommen, denn sein Land profitiert indirekt davon. Er will Kanada wieder in einer international bedeutsamen Rolle sehen. Dazu braucht er die Aufmerksamkeit auf dem globalen Parkett. Nach seiner Wahl versprach er der Welt: „Kanada ist zurück!“ Für die amerikanische Hochglanzzeitschrift Vogue ließ er sich mit seiner Frau in einer glamourösen, verführerischen Pose ablichten.

Sophie verriet Vogue Einzelheiten über das erste Rendezvous mit ihrem späteren Mann. Er habe zu ihr gesagt: „Ich bin 31 Jahre alt und habe 31 Jahre auf dich gewartet.“ Nicht unbedingt originell, aber romantisch.

Die beiden verstecken in der Öffentlichkeit die Zuneigung zueinander nicht, sehen sich tief in die Augen, turteln sogar, was manche konservativen Zeitgenossen aufregt. Diesen Bürgern ist auch ein Regierungschef suspekt, dessen Oberarm tätowiert ist und der Boxen zu seinen Hobbys zählt.

Und auch seine Frau Sophie ist keine typische Politiker-Gattin.

Sophie ihrerseits ist keine typische ­Politikergattin. Sie bekannte in einem Interview, dass sie und ihr Mann schwierige Zeiten mit Hilfe eines Eheberaters überwunden hätten. Warum so etwas verbergen?, findet sie. Der innere Frieden sei ihr wichtig, vor allem in einem Leben, das ständig beobachtet werde. „Ich glaube, wir haben es ziemlich gut geschafft, ein Gleichgewicht und ein Zentrum zu finden“, sagte sie.

Die politische Realität wird Trudeau sicher noch einholen. Er plant einige kontroverse Neuerungen, wie die Entkriminalisierung von Marihuana. Auch der Rückzug kanadischer Bombereinsätze gegen den „Islamischen Staat“ IS ist auf Kritik gestoßen. Und nicht alle Kanadier finden höhere Steuern für Reiche gut, wie er es vorsieht. Die wirtschaftliche Lage seines Landes ist zudem nicht durchwegs rosig.

Aber Justin Trudeau hat alle Voraussetzungen, in den kommenden Jahren seinen berühmten Vater in den Schatten zu stellen.   

Bernadette Calonego

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