Der Fall Wedel - ein Weinstein?

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Drei Jahre hat es gedauert, und immer noch steht nicht fest, ob Dieter Wedel tatsächlich wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht stehen wird. Immerhin aber ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg dorthin getan: Die Münchner Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben. Das allerdings erst, nachdem der Anwalt des mutmaßlichen Opfers, Jany Tempel, eine „Untätigkeitsbeschwerde“ gegen die Behörde eingereicht und die Zeit berichtet hatte.

Nun muss das Münchner Landgericht entscheiden, ob das, was die Staatsanwaltschaft zusammengetragen hat, ausreicht, um einen Prozess gegen den inzwischen 81-jährigen Regisseur zu eröffnen. Sollte das Gericht das bejahen, wird gegen Wedel in Deutschland der erste MeToo-Fall verhandelt werden.

Während sich in den USA nach Weinstein reihenweise Frauen zu Wort meldeten und inzwischen über 200 mächtige Männer ihre Posten räumen mussten, weil sie Frauen sexuell attackiert hatten, herrscht in Deutschland Friedhofsruhe. Bisher fiel kein einziger Name. Nur der von Wedel.

Im Januar 2018 hatte das Zeit Magazin die erschütternde Geschichte veröffentlicht. Darin beschuldigten drei Schauspielerinnen unabhängig voneinander den Regisseur, sie auf seinem Hotelzimmer sexuell bedrängt zu haben. Zwei konnten, so sagen sie, die Übergriffe abwehren. Die dritte war Jany Tempel. Sie war damals, im Jahr 1996, 27 Jahre alt. „Er hat mich mit Wucht gepackt und gegen die Wand gepresst“, berichtete die heute 51-Jährige. Wedel habe sie aufs Bett geworfen und gesagt, je mehr sie sich wehre, umso aufregender sei es für ihn. „Ich hätte schon Karate können müssen, um da wieder rauszukommen.“ Wedel bestreitet die Vorwürfe.

Nachdem der Zeit-Artikel erschienen war, meldeten sich weitere Frauen zu Wort. Sie berichteten, Wedel habe sie am Set massiv gedemütigt, wenn sie seine Avancen abwiesen. Die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch erklärte, der Regisseur habe sie am 4. Januar 1980 in einem Hotelzimmer in Bad Kissingen vergewaltigt. „Er setzte sich rittlings auf mich, packte meinen Kopf bei den Haaren und schlug ihn immer wieder aufs Bett, einmal auch an die Wand und dann einmal auf die Bettkante“, schilderte sie der Zeit. Auch diese Vorwürfe bestreitet Wedel.

Der Fall Gemsch war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verjährt. Auch Jany Tempel war nach anwaltlicher Beratung davon ausgegangen, dass ihr Fall verjährt sei und kein Strafverfahren gegen Wedel folgen würde. Doch das erwies sich als falsch, die Staatsanwälte begannen zu ermitteln. Nur: Warum hat das drei Jahre gedauert? Weil man Zeugen zum Teil im Ausland habe ausfindig machen müssen und ein Glaubwürdigkeitsgutachten erstellt wurde, argumentiert die Münchner Staatsanwaltschaft.

Das Gericht wird in den kommenden Wochen entscheiden, ob Dieter Wedel, der alle Vorwürfe bestreitet, überhaupt auf die Anklagebank kommt. Der Beschuldigte scheint für den Fall eines Prozesses mit einigem zu rechnen. Er hat sich gleich drei AnwältInnen genommen: den Ex-CSU-Politiker Peter Gauweiler, dessen Kanzleikollegin Dörte Korn und den berühmt-berüchtigten Ex-Bundesrichter Thomas Fischer. Im Spiegel durften die drei nun schonmal auf drei Seiten darlegen, wie „unerhört die beispiellose Vorverurteilung“ ihres Mandanten sei.

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