In der aktuellen EMMA

Der Kampf um die verlorene Freiheit

Foto: Bettina Flitner
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Auf den Fotos aus der Generation meiner eigenen Mutter und Großmutter sehe ich bis in die 1970er-Jahre kein Kopftuch. Bis in die 1990er-Jahre gab es in Ägypten auch keine vollverschleierten Frauen, die Gesicht und Hände unter einem Niqab verborgen hätten. Diese Art der Verschleierung von Frauen tauchte erst mit dem Aufstieg des Wahhabismus auf und ist den ÄgypterInnen eigentlich sehr fremd.

Doch seit den islamisch geprägten 1980er-Jahren sind Frauen, die auf den Straßen unverschleiert sind, sofort als Christinnen oder Angehörige anderer Konfessionen oder als Ausländerinnen erkennbar. Unverschleierte Frauen sind in der Defensive. Bis in die 1970er- Jahre hinein war genau das Gegenteil der Fall. Das Stück Stoff gilt also erst neuerdings als islamisches Symbol der Identität und Abgren­zung von anderen Kulturen.

Seit dem Arabischen Frühling – und dem Zurückdrängen der Muslimbrüder und Salafisten in Ägypten – legen viele Frauen das Kopftuch wieder ab. Hinzu kommt: Seit den 1970er-­Jahren ist eine „NGO-isierung“ der Feministinnen zu beobachten. Statt in Parteien und politischen Institutionen engagierten sich Frauenrechtlerinnen vermehrt in nichtstaatlichen Organisationen, die manchmal auch von ihnen gegründet wurden. Durch Veröffentlichungen und Ausbildungsangebote, Präsenz in den Medien und die Schattenberichte, die sie jährlich auf lokaler, regionaler und internationaler Ebene (wie der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW, die ägyptische Aktivistinnen wie Aziza Hussein mitgeschrieben und der ägyptische Staat 1979 ratifiziert hat) veröffentlichten, erlangten sie gesellschaftlichen Einfluss, bis hinein in staatliche Institutionen.

Gleichzeitig aber trat der „islamische Feminismus“ in Erscheinung. Er verbreitete sich in den 1990er-Jahren nicht nur in Ägypten, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt als Teil der internationalen islamischen Offensive. Diese islamischen Feministinnen blenden die säkulare Tradition ihrer Heimat ganz aus und kämpfen für religiös begründete Rechte für Frauen, indem sie sich auf den Koran berufen.

Omaima Abou Bakr zum Beispiel ist so eine islamische Feministin. Sie ist Professorin für Anglistik an der Kairoer Universität, hat Ende der 1980er-Jahre in Berkeley USA promoviert und ist eine der Begründerinnen des so genannten „islamischen Feminismus“. Abou Bakr bezeichnet sich explizit als Feministin. Sie geht davon aus, dass der Islam eine „revolutionäre und feministische Religion“ sei, in der die Gleichberechtigung seit 1.400 Jahren tief verankert ist. Frauen würden im Koran in gleichem Maß wie Männer angesprochen, sie besäßen dieselben Rechte und Pflichten.

Nach Auffassung von Abou Bakr ist der Islam im Kern feministisch, das hätte sich nur wegen der patriarchalischen gesellschaftlichen Strukturen und der männlich dominierten Interpretation bisher nicht durchsetzen können. Dank der Quellenarbeit ihrer NGO „Frauen und Gedächtnis“ konnten die Professorin und ihre Mitstreiterinnen die höchste Autorität im sunnitischen Islam, die Gelehrten der Al-Azhar-Universität, über­zeugen, dass die Vormundschaft des Mannes (Qawama) nur auf seine Familie beschränkt sei und sich keineswegs auf Frauen im Öffentlichen Raum erstrecke. Folge: Die Gleichstellung von Mann und Frau in der Öffentlichkeit – aber nicht im Privatbereich.
Dagegen halten säkulare Frauenrechtlerinnen, dass die Frauenbewegung seit über hundert

Jahren auch in Ägypten gegen die im Privatrecht verankerte Polygamie und die Ehrenkriminalität kämpft. Die Feministinnen befürchten eine Islamisierung der Debatten über Frauenrechte. Die Diskurse dieser neuen Feministinnen mit ihrer Fokussierung auf den Frauenkörper, die sexuelle Selbstbestimmung und egalitäre Geschlechterrollen lösten auch in Ägypten eine kleine „sexuelle Revolution“ aus.

Frauenrechtlerinnen nutzen die Neuen Medien, um Debatten anzustoßen über sexuelle Belästigung und häusliche Gewalt gegen Frauen; über ledige Mütter und die Ungleichheit im Erbrecht. Sie konnten den Versuch der Islamisten, das Mindestalter für die Eheschließung auf 14 Jahre herabzusetzen, verhindern, und sie erreichten, dass neue Gesetze zur Verbesserung der Rechte der Frauen und der Gleichstellung der Geschlechter verabschiedet wurden: Seit 2014 wird der „Ehrenmord“ hart bestraft und wurden Gesetze gegen häusliche Gewalt und die Vergewaltigung von Frauen erlassen.

Dank neu eingerichteter „Familiengerichte“ können Familienstreitigkeiten jetzt rascher gelöst werden. Und der Erlass von 2008 über das Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung ist 2014 gesetzlich bestätigt worden. Dennoch sind weiterhin Gesetze in Kraft, die physische Gewalt gegen Frauen erlauben, wie beispielsweise das Züchtigungsrecht für den Ehemann, um seine Frau zum Zusammen­leben zu zwingen. Lehnt sie das Zusammenleben ab und will sich scheiden lassen, muss sie auf alle finanziellen Ansprüche und sogar auf das Sorgerecht für ihre Kinder verzichten.

Für die Ägypterinnen ist die Forderung nach Gleichberechtigung alles andere als neu. Sie begann, ganz wie in Europa, um 1870 und war von Anfang an verbunden mit dem Ablegen des Kopftuchs. Die Frauen verließen den Harem und nahmen an Demonstrationen gegen die Kolonialherren teil. Sie kämpften gleichzeitig auch gegen die eigenen Männer und Parteigenossen, die gegen die Frauenrechte waren. Sie vernetzten sich lokal und regional, ja selbst international. Sie waren Musliminnen, Jüdinnen oder Christinnen, aber traten alle für einen säkularen, post­kolonialen Nationalstaat und die Gleichstellung der Geschlechter ein. Schon in den 1920er-Jahren ging es dabei vor allem um Reformen beim Familienrecht und das Verbot der Polygamie.

Hoda Sha’rawi (1879 – 1947) gilt als Anführerin der Frauenbewegung nicht nur in Ägypten, sondern in der ganzen arabischen Welt. Sie hat 1923 die ägyptische „Frauenunion“ gegründet und eine eigene feministische Zeitschrift veröffentlicht. Sie war international vernetzt und hat den „arabischen Feminismus“ begründet. Hoda forderte die uneingeschränkte Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Eine ihrer bekanntesten Aktionen war im Jahre 1923: Als sie mit der ägyptischen Delegation, die am Frauenkongress in Rom teilgenommen hatte, nach Alexandria zurückkehrte, warf Hoda ihren Gesichtsschleier ins Meer. Zahlreiche Frauen taten es ihr nach.

Eine feministische Pionierin war auch die ägyptische Frauenrechtlerin Duriya Shafiq (1908 – 1975). Sie hatte in den 1930er-Jahren in Paris über Frauenrechte im Islam promoviert. Sie war zweimal verheiratet und wurde einmal sogar zur „Miss Egypt“ gewählt. Sie war überzeugt, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Islam und Frauenrechten gäbe.

Als ihr eine Professur in Kairo in den 1940er- Jahren mit der Begründung verweigert wurde, sie sei eine Frau, machte Duriya die Frauenzeitschrift Bint al Nile (Tochter des Nils) und schloss sich 1948 mit anderen Frauen zu einer gleichnamigen Organisation zusammen. 1951 stürmte Shafiq mit 1500 Frauen das Parlament, sie forderten gleiche politische Rechte und das Wahlrecht.

Shafiq unterstützte, ganz wie die „Frauenunion“, die Revolution von 1952 und die Republik, die 1953 gegründet wurde; sie hoffte in der postkolonialen Ära auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit auch für die Frauen. Als aber ein rein männliches Verfassungskommitee die neue Verfassung erarbeiten sollte, trat Shafiq 1954 mit Kolleginnen vom Journalistenverband in den  Hungerstreik. Unter dem Druck der internationalen Medien gestand der sozialistische und panarabisch orientierte Präsident Gamal Abd al-Nasser den Frauen nun endlich das Wahlrecht zu. Die meisten arabischen Länder folgten dem ägyptischen Beispiel. Doch die Rache folgte auf dem Fuß: Nasser löste die Frauenorganisationen auf. Duriya Shafiq wurde 18 Jahre unter Hausarrest gestellt. 1975 nahm sie sich das Leben.

Nach der Auflösung der unabhängigen Frauenorganisationen wurden die Frauenrechte von oben staatlich verordnet und flossen in die Verfassung Ägyptens ein. Es entstand, was man „Staatsfeminismus“ nennt. Seither ist in der Verfassung Ägyptens die Gleichstellung der Geschlechter an vielen Punkten verankert; Frauen haben das Recht auf Bildung: Der Schulbesuch ist gratis und obligatorisch; Frauen haben das Recht auf Arbeit und auf politische Partizipation. Theoretisch.

In all diesen Jahrzehnten des Kampfes um gleiche Rechte hat kaum eine Ägypterin Kopftuch getragen. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts galt das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung der Frauen sowie der Rückständigkeit Ägyptens. Selbst in den Büchern der islamistischen Muslimbrüder war das Kopftuch in den 1930er-Jahren kein Thema. In dem Buch der ­Mitbegründerin der Sektion der Muslimschwestern, Fatima Abd Al-Hadi, liest man, dass selbst sie in den 20ern bis in die 1940er-Jahre kein Kopftuch getragen hat. Genauso wenig wie die Töchter des Gründers der Muslimbrüder und die Töchter der Muftis von Ägypten. Eine ähnliche Entwicklung hat in arabischen Ländern wie Tunesien, Marokko, Syrien, aber auch Afghanistan und asiatisch-muslimischen Ländern stattgefunden, wo die Islamisierung erst in den 1970er- und 1980er-Jahre begann.

Auch gibt es in Ägypten eine lange Tradition weiblicher Einflussnahme auf das öffentliche Leben, die Frauen ermöglicht, sowohl Mutter zu sein als auch berufstätig, auch in gehobenen Positionen. Ärztinnen, Professorinnen und Lehrerinnen sind in ihren Berufsgruppen mit einem Drittel vertreten. Beim Rundfunk ist jeder zweite eine Frau. Doch nur jede vierte Ägypterin ist berufstätig, aber jeder dritte Haushalt wird von einer Frau geführt. Im Parlament waren bis 2014 zwei von 100 Abgeordneten weiblich – und das 64 Jahre nachdem Duriya Shafik das Wahlrecht erkämpft hat. Heute sind dank einer Quotenregelung 15 Prozent aller Parlamentarier weiblich.

2014 wurde zum ersten Mal in der ägyptischen Geschichte eine Partei von einer Frau geführt: Hala Shukrallah präsidierte die Partei Al-Dostur. 2018 hat Präsident Al-Sisi acht von 35 Ministerien mit Frauen besetzt und zum ersten Mal in der ägyptischen Geschichte ernannte er auch drei Frauen zu stellvertretenden Gouverneurinnen.

Allerdings wagt fast keine der Frauengruppen, das Recht auf Mutterschaft vor der Ehe oder das auf sexuelle Freiheit zu erwähnen – schon gar nicht das Recht auf Homosexualität. Erst die neue Generation, die sich seit der Revolution für Frauenrechte einsetzt, beginnt langsam dieses Tabus zu brechen. Und auch die Frauen in ländlichen Gebieten, Bäuerinnen oder Arbeiterinnen, die außerhalb der großen Städte an der Peripherie leben, im Süden oder auf dem Sinai, sind kein Thema.

Doch in den Städten gründen Frauenrechtlerinnen Gender-Studies an den Universitäten, sie ändern Lehrpläne an den Schulen, schaffen Öffentlichkeit für ihre Anliegen. So wie Yasmine Al-Bara­mawy. Die junge Musikerin ist eine der vielen mutigen Frauen, die die Gesellschaft verändert und eine Welle von Debatten über die sexuelle Gewalt bzw. sexuelle Belästigung und Vergewaltigungen in Ägypten und der arabischen Welt angestoßen hat.

Yasmine war 2013 bei einer Demonstration von etwa 100 Männern umzingelt worden, betatscht und ausgezogen. Das passiert auch vielen anderen Frauen. Sie aber brach das Schweigen und trat sogar im Fernsehen auf. Sie zeigte ihre Verletzungen, ihre zerrissene Hose und Kleider und erzählte selbstbewusst und detailliert, wie brutal es war.

Damit ebnete sie den Weg auch für andere Frauen, sich wegen Belästigungen oder gar Vergewaltigungen nicht zu schämen. Viele Schauspielerinnen, Berufstätige, Mütter und Studentinnen brechen seither ihr Schweigen und berichten öffentlich über ihre täglichen Demütigungen auf der Straße, bei der Arbeit und in der Familie. Es wurden neue Gesetze und harte Strafen (zwischen sechs Monaten und fünf Jahren) für Belästiger erlassen. Es geht voran für die Ägypterinnen, wenn auch in kleinen Schritten.

HODA SALAH
ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Trainerin für Frauenrechte und Islamismusprävention. Sie schreibt an ihrer Habilitation zum „Wandel arabischer Männlichkeiten“.

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