Sexualfantasien & Sadomasochismus

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Sie haben sexuelle Fantasien? Eigentlich kein Problem. Denn das teilen Sie mit einer überwältigenden Mehrheit aller Frauen und Männer. Sexfantasien waren sehr lange ein totales Tabu und Thema höchstens auf der Analytiker-Couch oder im Bordell. Doch in den 1970er Jahren begannen Feministinnen, darüber zu reden und zu schreiben. Dreißig Jahre später veröffentlichte jetzt der englische Psychologe Brett Kahr die bisher umfassendste wissenschaftliche Studie zum Thema.

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Kahr befragte 17.000 Frauen und Männer via Fragebogen und vertiefte die Antworten mit mehreren hundert Menschen im Gespräch. Resultat: 90 Prozent aller Frauen und 96 Prozent aller Männer haben sexuelle Fantasien. Der Therapeut vermutet, dass die reale Zahl noch höher liegt, da sich manche Menschen bis heute für ihre Fantasien schämen.
Es geht bei der Kahr-Studie um Fantasien in einsamen Tag- wie Nachtträumen ebenso wie um solche während des Sex mit Anderen. Heraus kamen Zahlen wie: 58 Prozent aller Menschen fantasieren ganz direkt Sex mit ihrer Beziehung. 41 Prozent fantasieren lieber Lustvolles mit der Beziehung von FreundInnen und Bekannten. Und 25 Prozent haben homosexuelle Fantasien (von denen höchstens ein Drittel Homosexualität auch wirklich lebt).

So weit, so wenig überraschend. Problematisch für die Fantasierenden wird es erst, wenn die Fantasien mit (Selbst)Erniedrigung und Gewalt zu tun haben. Das kann vor allem für Frauen so quälend werden, dass sie manchmal lieber ganz vermeiden, an Sex zu denken, geschweige denn, ihn zu praktizieren. Wie viele das sind? Schwer zu sagen.

Bedauerlicherweise hat Kahr in den Statistiken seiner Veröffentlichung über den „Sex im Kopf“ nicht nach Frauen und Männern differenziert. Leider. Doch er stellt fest: Etwa jede und jeder Vierte hat sadomasochistische Fantasien – wobei Frauen stärker zu masochistischen und Manner zu sadistischen Fantasien neigen. Was nicht überrascht.

Es waren die Feministinnen, die in den frühen 1970er Jahren begonnen haben, über ihre Fantasien zu reden. Und zwar in den so genannten Consciousness Raising Groups (CR-Gruppen). In diesen „Bewusstwerdungsgruppen“ sprachen Frauen unter sich und über sich. Ihr Erschrecken war groß, als sie feststellten, dass auch sie selber masochistische Fantasien hatten.

Die Feministinnen fragten sich also: Warum? Und sie fanden Antworten. Schließlich hatte bereits die Analytikerin und Freud-Kritikerin Karen Horney (1885–1952) die Behauptung, Frauen seien „von Natur aus masochistisch“, scharf kritisiert und darauf hingewiesen, dass die sexuelle Passivität und Unterwerfung von Frauen das Resultat ihrer Passivität und Unterwerfung im realen Leben sei.

Die erste Veröffentlichung zu den sexuellen Fantasien von Frauen kam Mitte der 1970er Jahre aus der Feder der Journalistin Nancy Friday („My secret garden“). Sie hatte via Inserate in englischen und amerikanischen Zeitschriften Frauen aufgefordert, ihr ihre sexuellen Fantasien mitzuteilen und erhielt prompt Tausende von Briefen. Rund 400 wählte sie zur Veröffentlichung aus und befragte einige Dutzend Schreiberinnen zusätzlich. Es bestätigte sich: Die Mehrheit der sexuellen Fantasien von Frauen waren masochistischer Natur.

Als dann EMMA in der September-Ausgabe 1977 mit „Unsere sexuellen Fantasien“ titelte, erhielten auch wir eine Flut von Briefen und Geständnissen. Und die meisten Leserinnen berichteten von masochistischen Fantasien. Doch „nicht alle Frauen fühlen sich von ihren Fantasien gequält. Einige versichern, sie würden damit gut und durchaus ohne Schuldgefühle leben. Für sie ist es eine Technik, Befriedigung zu erlangen, mehr nicht“, schrieb EMMA damals.

Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich räsonierte in derselben Ausgabe: „Die Tatsache, dass masochistische Fantasien so zahlreich bei Frauen anzutreffen sind, muss auf ihre jahrhundertelange familiäre Fesselung zurückgehen (…). Gegen die Verinnerlichung und die damit verbundene Hilflosigkeit konnten sich Frauen oft nur zur Wehr setzen, indem sie mit Hilfe der Fantasie aus passiv unterdrückten Wesen zu aktiven Schöpferinnen ihres Leidens wurden.“

Können Frauen also den Spieß umdrehen – und aus ihrem passiv erlittenen Schmerz eine aktive, selbstbestimmte Fantasie machen? Auf jeden Fall müssen wir offensichtlich unterscheiden zwischen zwanghaften und spielerischen Fantasien.

Vier Jahre später, im November 1981, griff EMMA das Thema wieder auf in einer Titelgeschichte. Auslöser war das Buch einer Amerikanerin, das in der Lesbenszene Furore machte: „Sapphistrie“ von Pat Califia. Die bekennend lesbische Califia propagierte das Ausleben der Fantasien und einen aktiven sadomasochistischen Sex unter Frauen. Die Botschaft lautete: Schluss mit der von Feministinnen propagierten „neuen Zärtlichkeit“ und dem Feministinnen unterstellten „Blümchensex“, her mit Sexualtät & Gewalt. Argument: Die sexuelle Macht & Ohnmacht sei zwar ernst zwischen den objektiv ungleichen Frauen und Männern – aber nur ein Spiel zwischen objektiv gleichen Frauen.

Es ist eine erhellende Pointe und nicht ohne Komik, dass eben diese Califia, die den Sadomaso-Sex unter Frauen als erste und am schrillsten propagierte, einige Jahre später den Weg von Frau zu Mann antrat und heute in Kalifornien als Mann lebt – zusammen mit einem anderen Mann, der ebenfalls früher eine Frau war.

Doch bei genauerem Hinsehen war schon immer klar, dass die neu-lesbische sexuelle Verwegenheit von Anbeginn an stark geprägt war von schwulen sadomasochistischen Sexualpraktiken. Denn in der kleinen, aber lauten Sadomaso-Szene – Sexualforscher Schmidt spricht in bezug auf aktive Sadomasochisten von einer „kleinen Stelle hinter dem Komma“ – geben Männer den Ton an, allen voran schwule Männer. Und der Identifikationsgrad von männlich identifizierten Lesben – die oft aus gutem Grund ihrem eigenen Frausein entfliehen – mit ihren schwulen Brüdern ist traditionell hoch.

20 Jahre nach Califias „Sapphistrie“ gebiert der Postfeminismus – in Unkenntnis der eigenen Geschichte – nun eine Neuauflage der Debatte. Was Simone de Beauvoir schlicht „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“ genannt hatte, heißt jetzt im poststrukturalistisch geprägten Diskurs „Konstruktion“ bzw. „Dekonstruktion“ des Geschlechts.

„Macht und Ohnmacht werden verhandelbar“, schreibt zum Beispiel Anna Kow anno 2009 in dem Leipziger Emanzipations-Blatt outside the box. „Sie sind nicht länger an Körperlichkeit und sozialen Status gebunden, sondern können im Sex sowohl erotisiert als auch entnaturalisiert werden.“ Klingt klug – aber ist es auch realistisch?

Auch der Psychotherapeut Brett Kahr kommt bei der Analyse von 17.000 sexuellen Fantasien zu dem nüchternen Schluss: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen sexuellen Fantasien und Kindheitsgeschichte. Die Fantasien haben fast immer etwas mit frühkindlichen Prägungen oder gar Verletzungen und Traumata zu tun.

Versteht sich, dass der sexuelle Missbrauch – jedes dritte bis vierte Mädchen, jeder zehnte Junge scheinen davon betroffen – eine zentrale Rolle spielt. Es können aber auch andere Demütigungen oder schockierende Verluste zur Initialzündung von sexuellen Fantasien werden.

Wie in Kahrs Fall „Marisa“. Sie hat immer, wenn sie mit ihrem Freund schläft, die Fantasie, mit Tom Cruise in einem roten Sportwagen in hohem Tempo dahin zu jagen. Erst ganz am Schluss und fast zufällig entdeckt der Therapeut, dass „Marisa“ damit den frühen Tod des Bruders verarbeitet, der heute im Alter von Tom Cruise wäre und auch sehr attraktiv war. Der Bruder verunglückte tödlich bei einem Autounfall wegen zu hoher Geschwindigkeit.

Fantasien erweitern die Realität. Sie können also auch in der Sexualität eine Bereicherung sein. Die einzige Frage, die sich für die 90 bzw. 96 Prozent stellt, ist: Sind ihre Fantasien für sie selbst freudvoll oder bedrückend? Oder bedrückend freudvoll?

Stehen die Fantasien der sexuellen Kommunikation mit anderen im Weg oder bereichern sie sie? Sind Sie mit ihrer sexuellen Fantasie in Frieden – oder würden Sie sich lieber von ihr verabschieden? Das ist eine Frage, die sich nur die Fantasierenden selber beantworten können. Doch vor der Antwort steht die Erkenntnis.

Brett Kahr: "Sex im Kopf" (Ullstein)

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