Die Narben der Gewalt

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Das Unersetzliche an dem immer noch hochaktuellen Klassiker ist der ganzheitliche Blick, der endlich zusammenfügt, was schon immer zusammen gehörte. "Es ist ein Buch über die Wiederherstellung von Verbindungen", schreibt Herman 1992: "Zwischen Vergewaltigungsopfern und Kriegsveteranen; zwischen misshandelten Frauen und politischen Gefangenen; zwischen den Überlebenden der riesigen Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über Völker herrschen, und den Überlebenden der kleinen versteckten Konzentrationslager, errichtet von Tyrannen, die über ihre Familie herrschen."

Das Private ist politisch - lautete das Credo der Neuen Frauenbewegung Anfang der 70er. Dank jahrelanger Forschung an der Medical School der Elite-Universität Harvard in Cambridge bei Boston und therapeutische Arbeit im Zentrum für Gewaltopfer am Cambridge Hospital bewies Judith L. Herman zwei Jahrzehnte später: Sie sind von den gleichen seelischen Narben gezeichnet - die Opfer der so genannten "privaten" und die Opfer der so genannten "politischen" Gewalt. Und noch verstörender: Die von den kleinen Tyrannen in den eigenen vier Wänden verursachten traumatischen Wunden sitzen oft tiefer und sind meist schlechter zu heilen als die, die auf das Konto der großen Tyrannen in Konzentrationslagern und Folterknästen gehen. Denn: Frauen und Kinder werden von einem Diktator terrorisiert, der sie nicht hasst, sondern behauptet, sie zu lieben.

Misshandelte Frauen setzen sich oft durch Flucht zur Wehr, da sie keine sichtbaren Barrieren daran hindern. Aber: "Häufig kann der Täter sie dann zur Rückkehr überreden, und zwar nicht durch weitere Drohungen, sondern mit Entschuldigungen, Liebesbekundungen, dem Versprechen, sich zu bessern, und Appellen an Treue und Mitgefühl." Das ist laut Herman die Methode, um die psychische Widerstandskraft der Frau zu brechen.

Die Willkürherrschaft privater wie politischer Tyrannen ist endgültig errichtet, wenn sich das Opfer so sehr selbst verachtet, "dass es gegen die eigenen moralischen Prinzipien handelt und seine elementarsten Bindungen verrät". Bei Elie Wiesel beispielsweise war dieser Punkt erreicht, als er in Auschwitz-Birkenau stumm mit ansah, wie ein KZ-Wärter seinem geliebten Vater mit einer Eisenstange sämtliche Knochen brach, und nicht den Täter dafür hasste, sondern das Opfer. "Ich war wütend auf meinen Vater, weil er den Überfall nicht hatte verhindern können. Soweit hatte das Leben im Konzentrationslager mich gebracht." Bei Frauen, die Gefangene ihrer eigenen Ehemänner sind, ist es so weit, wenn sie "selbst grausamste physische oder sexuelle Misshandlung der Kinder stillschweigend erdulden".

Danach folgt ein Zustand, den Holocaust-Überlebende die "Verwandlung in einen Roboter" nennen. Diese KZ-Insassen galten als "lebende Tote", weil sie nicht einmal mehr versuchten, Nahrung zu bekommen oder Selbstmord zu begehen. Auch aus dem so genannten Porno-Star Linda Lovelace ("Deep Throat") machte ihr Manager und Lebensgefährte durch systematische physische und psychische Folter ein seelenloses Wesen, das nur noch dahin vegetierte: "Ich war auf alle möglichen Arten erniedrigt worden, jeder Würde beraubt, erst zu einem Tier und dann zu einer Pflanze geschrumpft."

Judith Lewis Herman ist die Enkelin jüdischer Immigranten und die Tochter einer in den 50er Jahren von McCarthy wegen "unamerikanischer Umtriebe" verfolgten Kommunistin. In den 60ern stritt sie gemeinsam mit ihrer bewunderten Mutter, auch Psychologin, in der amerikanischen Antikriegs- und Antirassismusbewegung für die Opfer politischer Gewalt.

Schon damals erkannte die Absolventin des Frauencolleges Radcliffe und Studentin der Harvard Medical School: "Wenn man Psychologie und Psychiatrie studiert, ist es zwingend notwendig, sich auch mit Politik und Geschichte zu beschäftigen." Doch der "entscheidende Augenöffner" war für sie die Begegnung mit den Opfern privater Gewalt. "Dieses Buch verdankt seine Entstehung der Frauenbewegung", schreibt die Harvard-Professorin in ihrer Danksagung am Schluss.

Anfang der 70er Jahre machten Judith Herman und Lisa Hirschman ihre psychiatrische Facharztausbildung am Cambridge Hospital. Den beiden fielen die vielen Fälle von psychisch gestörten Frauen und Mädchen auf, bei denen man Schizophrenie oder andere Psychosen diagnostiziert hatte, ohne nach den Ursachen zu fragen. Herman und Hirschman fragten und entdeckten, dass die meisten sexuell missbraucht worden waren - fast immer vom eigenen Vater. "‚Was ist hier los?' wunderten wir uns. ‚Warum sehen andere Therapeuten diese Fälle nicht? Und wenn doch, warum redet keiner darüber?'"

Die beiden Psychiaterinnen redeten und schrieben darüber, doch niemand wollte es drucken. Ihr Aufsatz kursierte lange Zeit hektographiert in Feministinnen-Kreisen. Erst 1981 erschien Judith Lewis Hermans berühmte Studie "Father-Daugther Incest" ganz offiziell bei Harvard University Press (aktualisierte Neuauflage im Mai 2000).

In der Zwischenzeit hatte Herman herausgefunden, dass der Inzest "Eine vergessene Geschichte" ist (so der Titel des ersten Kapitels von "Die Narben der Gewalt"). Denn bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren die damals "Hysterie" genannten psychischen Folgen sexuellen Missbrauchs erforscht worden, die man den Opfern vorher durch Folter und Gebete als Besessenheit ausgetrieben hatte: "Dieses Forschungsgebiet entwickelte sich in der republikanisch und antiklerikal geprägten politischen Atmosphäre Frankreichs."

Schon im Ersten Weltkrieg litten Soldaten unter so genannten "Schützengraben-Neurosen" und "Schüttellähmungen". Doch waren sie als Memmen verschrien, bis sich Ende der 60er Jahre in USA Vietnamveteranen zusammenschlossen. Sie - die in diesem verschwiegenen Krieg verschleiernd "Berater" hießen und Täter und Opfer zugleich gewesen waren - präsentierten jetzt ihre seelischen Narben. Sie versteckten ihre zitternden Hände nicht länger; sie sprachen über ihre Depressionen und ihre Panikattacken. Die beharrlichen Kampagnen veranlassten schließlich kostspielige psychiatrische Studien mit der Konsequenz, dass in USA das "postraumatische Belastungssyndrom" (PTBS) als dauerhafte und unvermeidliche Spätfolge des Vietnamkrieges anerkannt wurde.

Fazit: "Die systematische Erforschung psychischer Traumata braucht die Unterstützung einer politischen Bewegung. Wenn eine starke Menschenrechtsbewegung fehlt, gewinnt unweigerlich tätige Verdrängung die Oberhand über die aktive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Verleugnung, Verdrängung und Dissoziation gibt es im gesellschaftlichen Bewusstsein genauso wie im individuellen Bewusstsein." Das schrieb Judith L. Herman 1992.

Drei Jahre später, im April 95, versammelte sich vor dem Vietnam War Memorial in Washington, das die Massenproteste der Veteranen erzwungen hatten, ein verlorenes Häuflein von Überlebenden des Geschlechterkriegs. Vor dem riesigen Monument für gefallene Soldaten spannten sie eine Wäscheleine mit 6.000 bunten T-Shirts: die roten für Vergewaltigungsopfer, die blauen für Inzestopfer und die gelben für Opfer häuslicher Gewalt. Diese Wäscheleine war ein kleines, vergängliches Mahnmal. Sie war der bescheidene und fast rührende Versuch, einen Zipfel des Schleiers zu lüften, mit dem Kriegsverbrechen gegen Frauen und Kinder verdunkelt werden. Und sie war ein trauriges Symbol für die Vergeblichkeit des Frauenkampfes gegen Männergewalt.

1992, als Hermans augenöffnender Klassiker über traumatische Erfahrungen erschien, wurde in den USA die False Memory Syndrom Foundation (FMS) gegründet. Diese Stiftung behauptet: Überlebende von Kindesmissbrauch, die sich erst nach einer längeren Amnesie wieder an das Erlebte erinnern, würden nicht die Wahrheit sagen, sondern unter dem suggestiven Einfluss von feministischen Therapeutinnen lügen. Sie habe es nicht fassen können, ereifert sich Judith L. Herman 1997 im Nachwort der Neuauflage: "Die Frauenbewegung bemühte sich damals seit 20 Jahren, die Annahme zu widerlegen, dass Frauen und Kinder generell dazu neigen, Geschichten über sexuelle Gewalt zu erfinden und zu phantasieren. Hatten wir dies alles nicht gerade erst hinter uns gebracht? Mussten wir das wirklich alles noch einmal erleben?"

Der Backlash-Slogan vom "Missbrauch des Missbrauchs" machte in Nordamerika nicht von ungefähr erstmals 1992 Schlagzeilen. In diesem Jahr wurde in Kanada und vielen US-Bundesstaaten die Verjährungsfrist bei Kindesmissbrauch "erheblich verlängert", um es Opfern mit "wiedergewonnenen Erinnerungen" zu ermöglichen, auch lange Zeit nach der Tat noch "gegen ihre Peiniger gerichtlich vorzugehen". Die Täter organisierten sich und holten zum Gegenschlag ("Backlash") aus. Herman: "Wie im Falle politischer Verbrechen kämpfen sie hartnäckig darum sicherzustellen, dass ihr Missbrauch unentdeckt bleibt und dem Vergessen anheim fällt."

In Nordamerika - wo dem Feminismus in den 70er und 80ern der Marsch durch die Institutionen von Politik, Justiz, Kultur und Wissenschaft gelungen war - errangen die Backlasher nicht einen so totalen Sieg auf so breiter Front wie in Deutschland. Stimmen wie die von Judith L. Herman fanden in USA und Kanada auch dann noch Gehör, als das laute Hexenjagd-Geschrei ertönte, mit dem die Täter sich als von Opfern Verfolgte inszenierten. Hierzulande wurden diese Stimmen weitgehend zum Verstummen gebracht (bis auf die unabhängige EMMA-Stimme).

1993, als das Herman-Buch auf Deutsch herauskam, berichteten die Medien noch überwiegend einfühlsam über Inzest-Opfer, wie die deutsche Fachjournalistin Ulla Fröhling recherchiert hat. Doch vier Jahre später war damit endgültig Schluss. Fröhling: "Die von Unkenntnis, Abwehr oder Zynismus geprägte Berichterstattung erreichte 1997 ihren journalistischen Tiefstand. Die negativen Auswirkungen auf den Informationsstand von Gutachtern, Richtern, Anwälten etc. sind heute noch spürbar."

In ihrem aktuellen Nachwort hat Herman aber auch Positives zu berichten. Zum Beispiel über eine "sehr ambitionierte Langzeitstudie", die den Lebensweg einer Gruppe von sexuell missbrauchten Mädchen bis ins Erwachsenenalter verfolgt: "Diese Studie veranschaulicht in bislang nicht erreichter Deutlichkeit, wie tiefgreifend sich Kindheitstraumata auf die menschliche Entwicklung auswirken." Oder über "interessante Fortschritte" in der Gehirnforschung, die den physischen Niederschlag in den Hirnstrukturen infolge von Traumata aufgespürt hat.

Zugleich befürchtet Judith Lewis Herman "eine Fixierung auf verengte, vorwiegend biologische Perspektiven": "Dann muss schon wieder eine Forschergeneration die wichtigen Wechselwirkungen zwischen physischen, psychologischen, sozialen und politischen Dimensionen neu entdecken." Und gegen die Amnesie ankämpfen, die den ganzheitlichen Blick auf scheinbar Getrenntes versperrt, dass in Wahrheit zusammengehört.

Judith Lewis Herman: "Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden" (Junfermann-Verlag)

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