"Ich bin keine Rabenmutter!“

Collien Ulmen-Fernandes in ihrer TV-Doku "Rabenmütter oder Super Moms". Foto: Frank Dicks/ZDF
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Ihre neue TV-Doku heißt „Rabenmütter oder Super Moms“. Sind Sie selbst schon als „Rabenmutter“ beschimpft worden?
Natürlich! Gerade wenn man als Mutter beruflich reist, wird man dafür sehr stark angefeindet. Ich bin ja manchmal für Dreharbeiten drei oder vier Wochen unterwegs, auch im Ausland. Was ich mir da anhören muss, ist schon extrem. Ein bisschen Teilzeit arbeiten – das ist okay. Aber Mütter, die Vollzeit arbeiten, werden in Deutschland noch immer dafür attackiert. Es gilt das Leitbild: Die Mutter gehört naturgegeben zum Kind. Und wenn sie da nicht ist, dann handelt sie quasi widernatürlich. Ich habe das auch im Kindergarten bei meiner Tochter mitbekommen. Da gab es neben mir nur eine einzige Mutter, die Vollzeit gearbeitet hat. Da hieß es dann: „Wie kann sie bloß bis 18 Uhr arbeiten? Das arme Kind!“

Wenn Sie zu Dreharbeiten weg sind, übernimmt dann Ihr Mann Christian Ulmen?
Genau, dann übernimmt natürlich mein Mann.

War das von Anfang an selbstverständlich?
Das musste ich mir schon erkämpfen. Als unsere Tochter noch ganz klein war, kam es öfter vor, dass wir Drehbücher für den gleichen Zeitraum angeboten bekamen. Und aus unserem Umfeld kam dann oft der Satz: „Na, dann musst du dein Projekt ja jetzt absagen. Du musst ja deinem Mann den Rücken freihalten!“ Darauf reagiere ich inzwischen sehr allergisch. Man hört es ja auch bei Dankesreden oft: Männer, die Preise entgegennehmen, bedanken sich bei ihren Frauen dafür, dass sie ihnen „den Rücken freigehalten“ haben. Da zucke ich jedes Mal zusammen.

Ihre Mutter war Hausfrau. Wie haben Sie das erlebt?
Mein Vater hat oft die Formulierung benutzt, dass meine Mutter „sein Geld ausgibt“. Diesen Satz habe ich zu Hause oft gehört. Und ich habe gedacht: Das will ich nicht! Ich möchte nicht fragen müssen, wenn ich mir eine neue Hose kaufen will. Ich will mein eigenes Geld verdienen und selbst entscheiden, wann und wofür ich es ausgebe.

Sie haben es dann anders gemacht.
Ja, aber grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass man es als Frau nur falsch machen kann: Wenn man arbeiten geht, ist man die Rabenmutter. Wenn man zu Hause bleibt, ist man die Frau, die das Geld des Mannes ausgibt. Dabei hat die Frau ja auch ihre 24 Stunden Care-Arbeit dafür geleistet und hart gearbeitet. Die Vorstellung des Mannes, dass er das Geld erwirtschaftet hat und seiner Frau davon gönnerhaft etwas abgibt, ist ziemlich unfair.

In Ihrer früheren Doku „No more Boys and Girls“ gibt es eine sehr eindrückliche Szene: Eine Gruppe Kinder soll „Hau den Lukas“ spielen und vorher einschätzen, wie hoch sie den Lukas hauen können. Der erste Junge schätzt sich bei 90 Prozent ein, die anderen wollen mithalten und machen es genauso. Das erste Mädchen schätzt sich bei 40 Prozent ein, die anderen noch niedriger.
Was ich an dieser Szene auch interessant finde: Die Jungen stehen genauso unter Druck! Von denen wird erwartet, dass sie stark sind. Das Gender-Marketing trägt seinen Teil dazu bei, mit entsprechenden Claims auf „Jungs-Produkten“. Wir haben in der Doku T-Shirts mit Sprüchen wie „Jungen weinen nicht!“ in der Fußgängerzone verschenkt, um zu sehen, wie die Menschen reagieren. Leider fanden viele Eltern so ein T-Shirt für ihren Sohn super.

Wie machen Sie es denn bei Ihrer eigenen Tochter?
Meine Tochter kam aus dem Kindergarten und erklärte mir, was laut ihrer Peer-Group alles keine „Mädchensachen“ sind. Die Liste war sehr lang. Mittlerweile weiß sie, dass alle Spielzeuge für Jungs und Mädchen sind.

Sie weiß das auch aus dem Kinderbuch ihrer Mutter: „Lotti und Otto“. Der kleine Otterjunge Otto näht und backt gern, das Ottermädchen Lotti tobt gern und fängt Fische.
Genau. Ich wollte ein Gegengewicht schaffen, um für mehr Rollenvielfalt im Kinderzimmer zu sorgen. Leider ist die Inszenierung von Jungen und Mädchen sehr einseitig, Jungs müssen stark und mutig sein, Mädchen lieblich und zurückhaltend. Ich wollte zeigen, dass es okay ist, dass Otto eher sensibel und Lotti eher laut ist. Diese Rollenzuschreibungen passieren ja oft gar nicht wirklich bewusst. Studien zeigen zum Beispiel, dass mit Mädchen schon im Kindergarten sehr viel häufiger über ihr Aussehen gesprochen wird. Denen wird viel öfter gesagt: „Du hast aber eine schöne Frisur“ oder „Du hast aber ein schönes Kleid an“. Gepaart mit den Botschaften des Gender-Marketings, spüren Mädchen dann natürlich: Es scheint wichtig zu sein, dass ich schön bin! Ich habe das auch bei meiner Tochter beobachtet. Ihr wird oft gesagt: „Du bist aber eine Hübsche!“ Und dann sage ich immer: „Und du bist auch schlau!“ Es ist so wichtig, dass wir die Mädchen auch in ihren geistigen Fähigkeiten bestärken.

Gab es eigentlich einen Auslöser für Ihr Engagement in Sachen Rollenbilder?
Es gab nicht den einen Schlüsselmoment. Früher habe ich vieles einfach hingenommen und gar nicht wirklich gemerkt, wie oft ich Geschlechterklischees ausgesetzt war. Einmal hatte ich zum Beispiel ein Treffen mit einem Produzenten. Dabei ging es um ein journalistisches Format, das ich moderieren sollte. Ich wollte wissen, wann ich die Einspieler sehen kann, um dann die Moderationstexte zu schreiben. Da schaute der mich an und sagte: „Du musst keine Texte schreiben. Wir suchen hier einfach nur eine Frau, die gut aussieht, für die Deko!“ Und ich dachte: Hat der das jetzt wirklich gesagt? Ich habe den Job dann abgelehnt, weil ich kein erweiterter Teil der Deko sein wollte. Bei einer anderen Sendung hatte ich die Moderationstexte etwas ironisch angelegt. Da hieß es dann: Frauen sollten lieber nicht ironisch sein. Denn wenn Frauen Witze machen, dann käme das zickig rüber. Ich sollte dann meine Texte an den männlichen Moderator weitergeben.

Nochmal zurück zu Ihrer aktuellen Doku. Was haben Sie denn über Rabenmütter herausgefunden?
Sehr viel. Wir haben uns zum Beispiel damit befasst, welche Auswirkung die Berufstätigkeit der Mutter auf die Kinder hat. Eine Studie der Harvard-Universität hat dazu Daten aus 24 Ländern ausgewertet. Das Ergebnis ist, dass die Kinder von der Berufstätigkeit der Mutter profitieren. Zum Beispiel führen Töchter wie Söhne selbst später die gleichberechtigteren Beziehungen, weil sie die arbeitende Mutter als selbstverständlich erlebt haben. Und Töchter berufstätiger Mütter machen später eher Karriere und verdienen mehr. Noch dazu haben Töchter wie Söhne arbeitender Mütter im Schnitt die besseren schulischen Leistungen. Ich denke daher, dass die antiquierte Forderung, Mütter sollen bitte wegen des Kindeswohls zu Hause bleiben, endlich ein Ende haben muss.

Das Interview führte Chantal Louis.

TERMINE: Rabenmütter oder Super Moms, 6. Mai, 20.15 ZDF neo und in der ZDF-Mediathek.

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