In der aktuellen EMMA

Zwischen Dysphorie & Rollenbruch

Foto: Andrew Bret Wallis/Getty Images.
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Kommt eine 15-Jährige aufs Standesamt, nennen wir sie Laura. Laura erklärt der Standesbeamtin, sie wolle ab sofort Leon heißen, weil sie eigentlich ein Junge sei. Kein Problem, sagt die Standesbeamtin, das haben wir gleich. Sie beglaubigt rasch den neuen Geschlechtseintrag und schickt die Beglaubigung an das Standesamt in Lauras Geburtsort weiter. Dort wird Lauras Geburtsurkunde geändert. Laura ist jetzt Leon.

Leon hat nun einen gesetzlichen Anspruch auf geschlechtsangleichende Maßnahmen, sprich: Er kann sich die Brüste amputieren sowie Eierstöcke und Gebärmutter entfernen lassen. Bezahlt würde das von der Krankenkasse. Und sollte Leon feststellen, dass er doch lieber wieder als Mädchen leben möchte, kann sie nach zwölf Monaten zum Standesamt gehen und den Geschlechtseintrag wieder in „weiblich“ ändern lassen. Und wiederum ein Jahr später erneut in „männlich“. Oder „divers“. Und so weiter.

Klingt aberwitzig? Allerdings. Es würde aber so kommen, falls der „Entwurf zur Einführung eines Selbstbestimmungsgesetzes“ durchkäme, den die Grünen und – in einem eigenen, aber quasi identischen Entwurf – die FDP im Sommer 2020 in den Bundestag eingebracht haben. Was klingt, wie im Genderstudies-Seminar ersponnen oder wie eine Satire, ist von den beiden Parteien in ein Gesetz gegossen worden.

Grüne und Liberale wollen folgende Punkte festschreiben: 1. Das Geschlecht als reinen „Sprechakt“. Dabei wird der Körper, das biologische Geschlecht (sex), irrelevant, es zählt ausschließlich die Selbstdefinition (gender). 2. Den schrankenlosen Zugang zu irreversiblen, geschlechtsverändernden Operationen ab 14 Jahren. Was die schon jetzt exorbitant angestiegene Zahl von – überwiegend weiblichen – Jugendlichen, die via Hormone und Chirurgie „transitionieren“, noch weiter in die Höhe schnellen lassen dürfte.

Denn es sind vor allem Mädchen, die aus den Zumutungen der Rollenerwartungen flüchten wollen und denen die Lösung „trans“ mit immer größerer Selbstverständlichkeit angeboten wird. „Wir erleben gerade die vermutlich schlimmste Krise mit Blick auf die psychische Gesundheit von jungen Mädchen. Wir stellen die höchsten Angst- und Depressionsraten fest, die je gemessen wurden“, schreibt die US-Journalistin Abigail Shrier in ihrem jüngst erschienenen Buch „Irreversible Damage“ (Irreversibler Schaden). Immer mehr Mädchen „hassen ihren Körper extrem“ und kämen „zu dem Schluss, das Problem bestehe darin, dass sie eigentlich ein Junge und kein Mädchen seien“.

Das „Selbstbestimmungsgesetz“ von Grünen und FDP hätte im Bundestag theoretisch eine Mehrheit. Die Linke hat ebenfalls Zustimmung signalisiert und auch so mancheR Abgeordnete der SPD ist für das Geschlecht qua Selbstdefinition, allen voran der „queerpolitische Sprecher“ der Sozialdemokraten, Dr. Karl-Heinz Brunner. Der Betriebswirt aus dem Allgäu, Ex-Familienvater und heute offen homosexuell, erklärte bei der Expertenanhörung zum „Selbstbestimmungsgesetz“: Jugendliche seien mit 14 Jahren schließlich auch religionsmündig und könnten „auf dem Standesamt erklären, ob sie lieber katholisch oder evangelisch sein wollten“. Brunner meint diesen hanebüchenen Vergleich offenbar ernst. Und er ist damit nicht allein in seiner Partei.

Im Januar 2021 hatte das CSUgeführte Innenministerium einen eigenen Gesetzentwurf eingebracht, der das aktuell gültige Transsexuellengesetz (TSG) reformieren soll. Dieses „Gesetz zur Neuregelung des Geschlechtseintrags“ sieht vor: Der Geschlechtswechsel läuft nicht über das Standesamt, sondern über ein Gericht, immerhin. Aber auch dort müsste ein erwachsener biologischer Mann nicht mehr tun, als seinen Wunsch nach einem w im Personalausweis auszusprechen. Und eine biologische Frau könnte via „Sprechakt“ ihren Wechsel zum Mann erklären. Die heute noch vorgeschriebene dreijährige Erprobungsphase im Leben im anderen Geschlecht sowie der per Gutachten zu erbringende Nachweis, dass der Wunsch nach einem Geschlechtswechsel „mit hoher Wahrscheinlichkeit konstant bleibt“, würde entfallen. Wohlgemerkt: Dies gälte auch schon für 18-Jährige.

Bei Minderjährigen sollten nach dem Unions-Entwurf die Hürden laut Innenministerium ein wenig höher liegen: Das Gericht müsste ein Gutachten einholen. Dieses muss jedoch nicht von einem Mediziner oder einer Psychologin verfasst sein. Es reicht, wenn die begutachtende Person „aufgrund ihrer Ausbildung und beruflichen Erfahrung mit den Besonderheiten der Transgeschlechtlichkeit ausreichend vertraut ist“. Das ist so windelweich formuliert, dass in Zukunft jedeR SozialpädagogikStudent*in in einer Peer-to-Peer-Beratungsstelle das Gutachten ausstellen könnte. Der oder die Jugendliche bräuchte für den neuen Geschlechtseintrag zwar noch die Einwilligung der Eltern. Stimmen die jedoch nicht zu, würde das Familiengericht die Entscheidung fällen. Obwohl dieser Gegen-Gesetzentwurf der Union der sich anbahnenden Katastrophe schon nur bedingt Einhalt bieten würde, senkte der Koalitionspartner SPD nun endgültig den Daumen. Begründung: Man lehne „klar ab“, dass die Union „eine Beratung wolle, die durch die Einschaltung von Psychologen und Medizinern immer noch einen pathologisierenden Charakter hat“. So heißt es in einer Pressemitteilung der SPD-Bundestagsfraktion, verfasst vom queerpolitischen Sprecher Brunner. Es bedürfe aus Sicht der SPD-Fraktion „für die personenstandsrechtliche Änderung keines medizinpsychologisch geschulten Personals“.

Die SPD scheint also zu befürworten, dass junge Menschen, die eine so hochgradige Verstörung mit ihrer Geschlechtsidentität haben, dass sie sich gesunde Körperteile amputieren lassen und einer lebenslangen Medikalisierung aussetzen wollen, bei der Entscheidung keinerlei psychologische und medizinische Begleitung benötigen. Und es irritiert sie offenbar auch der Widerspruch nicht: Einerseits sollen die Krankenkassen Operationen und Hormongaben bezahlen, wird die „Geschlechts-Dysphorie“ also folgerichtig als „Krankheit“ betrachtet. Andererseits wehrt man sich dagegen, den Wunsch nach einer „Geschlechtsangleichung“ zu „pathologisieren“.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Union und SPD springen jetzt die Grünen in die Bresche. Deren queerpolitischer Sprecher Sven Lehmann kündigte prompt die Absicht an, „unser Gesetz noch vor der sitzungsfreien Zeit im Sommer zur Abstimmung zu stellen“. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die SPD-Abgeordneten, die an den Koalitionszwang gebunden sind, zustimmen werden. Aber für die Zeit nach der Bundestagswahl liegt das grüne „Selbstbestimmungsgesetz“ selbstredend auf Wiedervorlage.

Und an dem „Recht“ Minderjähriger auf Hormonbehandlungen und Genital-OPs wird auch andernorts kräftig gearbeitet. Gerade werden die medizinischen Leitlinien für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit „Geschlechtsdysphorie“ überarbeitet. Das bisher geltende – rechtlich ohnehin nicht bindende – standesrechtliche Verbot von Genital-OPs vor dem 18.  Lebensjahr soll ganz fallen, Brust-Amputationen sollen ab dem sogenannten Tanner-Stadium II möglich sein, das heißt, „sobald sich die Brustknospe entwickelt“.

Die Trans-Lobby hat ganze Arbeit geleistet. Wer sich fragt, wie es eigentlich sein kann, dass eine zahlenmäßig so extrem kleine Gruppe einen derart großen Einfluss auf Gesetze und Leitlinien ausübt, möge einen Blick in den Handlungsleitfaden der „International Gay, Lesbian, Bisexual, Transgender, Queer & Intersex Youth Organisation“, kurz: IGLYO werfen. In der Broschüre mit dem Titel „Only Adults?“ (Nur Erwachsene?) erklärt die Lobby-Organisation mit Hauptsitz in Brüssel erstaunlich unverhohlen, mit welchen Mitteln die Trans-Lobbyisten arbeiten sollen, um ihr Ziel durchzusetzen: Dass Kinder und Jugendliche so einfach wie möglich das Geschlecht wechseln können.

Tipp Nr. 1.: Das Thema „de-medikalisieren“. Die Öffentlichkeit dürfe den Geschlechtswechsel nicht mit „geschlechtsangleichenden Behandlungen“, sprich Hormonen und OPs in Verbindung bringen. Tipp Nr. 2: „Hängt eure Kampagne an eine populärere Reform.“ Genauso geschah es beim Verbot von Konversionstherapien, das der Bundestag im Mai 2020 verabschiedete. Ursprünglich sollte das Gesetz nur für Homosexuelle gelten. Im letzten Moment wurde jedoch auch die Transsexualität nachgeschoben. Folge: TherapeutInnen, die Kinder und Jugendliche nicht „transaffirmativ“ behandeln, sprich: deren Transitionswunsch nicht unhinterfragt zustimmen, riskieren eine Anzeige.

Tipp Nr. 3: Man möge „exzessive Medienberichterstattung und Publicity“ vermeiden. Und so ist es wohl kein Zufall, dass auch das Selbstbestimmungsgesetz bisher komplett unter dem medialen Radar lief. Was angesichts der potenziellen Sprengkraft des Vorhabens erstaunlich ist.

Einer der Finanziers des IGLYO-Leitfadens ist übrigens die „Thomson Reuters Foundation“. Der Weltkonzern Thomson Reuters bietet unter anderem „Informationsdienstleistungen“ auf dem Gebiet der „Gesundheitsversorgung“ an. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Follow the money.

Die Frage, welche Rolle die Pharmaindustrie beim Vormarsch der Trans-Ideologie spielt, lohnt sich. So ist der Bochumer „Lehrstuhl für pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie“ von Prof. Annette Richter-Unruh, die an der Bochumer Uniklinik Jugendliche mit Pubertätsblockern behandelt, vom Pharmaunternehmen Ferring finanziert. Es produziert: Pubertätsblocker.

Doch es regt sich Widerstand. Auch von Feministinnen, die sich vor kurzem zur „Women’s Human Rights Campaign“ (WHRC) zusammengeschlossen haben. In ihrer „Declaration on Women’s Sex Based Rights“, die inzwischen 15.000 Frauen und 300 Frauen-Organisationen unterschrieben haben, erklärt die WHCR sich „besorgt darüber, dass die Vorstellung einer ‚Genderidentität‘ von Männern und Jungen als Rechtfertigung eingesetzt wird, um in ausschließlich Frauen vorbehaltene Räume einzudringen, die dem Schutz der Sicherheit, Privatsphäre und Würde von Frauen und Mädchen dienen, insbesondere derjenigen, die Opfer von Gewalt geworden sind.“

Diese Feministinnen beklagen auch, dass „die Vorstellung einer ‚Genderidentität‘ in zunehmendem Maße dazu verwendet wird, Kindern, die den Geschlechterrollenstereotypen nicht entsprechen eine ‚andere Geschlechtszugehörigkeit‘ zuzuweisen“. Zur Behandlung von Kindern mit Pubertätsblockern, Hormonen und chirurgischen Eingriffen heißt es in der Deklaration: „Kinder sind entwicklungsbedingt nicht in der Lage, ihre wohlüberlegte, freie und aufgeklärte Einwilligung zu solchen Eingriffen zu erteilen, die zu dauerhaften Schäden einschließlich der Sterilität führen können.“

Die Gefahr ist groß. Aber es gibt Hoffnung. Das zeigen die Beispiele wie Großbritannien oder Schweden. Dort hatten die Befürworter einer totalen Liberalisierung des Geschlechtswechsels es fast geschafft, die Politik zu verantwortungslosen Gesetzen zu drängen. In Schweden zog die Regierung ihren Gesetzentwurf für ein „Selbstbestimmungsgesetz“ zurück, das Gleiche geschah im September 2020 in England: Die Regierung lehnte ein Gesetz im Sinne der „Selbstdefinition“ ab.

CHANTAL LOUIS

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