Der Aufstand der Frauen

Demo am 1. Mai 1946 in Berlin
Artikel teilen

Es sieht nicht gut aus für den deutschen Mann an diesem 28. August 1948. "Kann ich mir einen Mann leisten?", fragt das Hamburger Echo in einer Umfrage seine Leserinnen. Die Antworten fallen deutlich aus. "Ich wäre doch leichter ohne Mann dran", erklärt eine 32-jährige Schaffnerin. "Ich muss vier Personen ernähren und mein Mann isst am meisten. Wie soll ich das nur schaffen?" Eine Bauarbeiterin, 28, stimmt zu: "Also mit meinen Kräften kann ich mir eigentlich keinen Mann leisten! Aber ich habe ihn doch mal, und es muss eben geschafft werden." Und eine Filmcutterin, 25, erklärt: "Der Zufall hat mir immer nur Männer über den Weg geschickt, die wohl meine letzte Zigarette rauchten, aber nicht ihre letzte mit mir teilten. Und so etwas kann ich mir nicht leisten, das ist klar."

Anzeige

Die einzige Leserin, die bereit ist, sich ihren Mann noch zu leisten, ist eine Ärztin. Aber auch die 35-jährige Mutter von fünf Kindern stellt klar, unter welchen Bedingungen: "Der Mann muss mitverdienen. Nicht ausschlaggebend ist, ob er viel oder wenig verdient. Und besteht der Wille zu einer selbstverständlichen Arbeitsteilung im privaten Leben, ist schon viel gewonnen." Ein "Haustyrann in vorgewärmten Pantoffeln", der "immer noch glaubt, dass er sich bedienen lassen müsste, auch wenn seine Frau ein ebenso schweres, oft schwereres, Tagwerk hinter sich hat", der komme ihr nicht ins Haus.

Welt verkehrt? Waren denn die Frauen vor 60 Jahren nicht beklagenswert rechtlos und unemanzipiert? Vor 60 Jahren ja – aber nicht vor 61 oder 64 Jahren! Denn nachdem das Naziregime, dieser Ausbund an Männerwahn (mit gewohnt weiblicher Unterstützung) zusammengebrochen war, schlug zunächst einmal die Stunde der Frauen. Während die Männer an der Front waren, hatten die Frauen an der Heimatfront "ihren Mann" gestanden.

Die befragten Hamburgerinnen sind 1948 offenbar nicht die einzigen, die einen Mann an ihrer Seite momentan weniger als Stütze, denn als Störfaktor respektive Klotz am Bein betrachten. Denn nicht nur Zeitungsumfragen sprechen in diesen ersten Nachkriegsjahren eine deutliche Sprache über das nicht eben euphorische Verhältnis der Frauen zu ihren Männern, sondern auch Statistiken: die Scheidungsrate explodiert. Allein im Jahr 1948 geht jede sechste Ehe zu Bruch. Unmittelbar nach Kriegsende war es noch nur jede zwölfte gewesen. Von den noch selteneren Trennungen im zwölfjährigen Dritten Reich ganz zu schweigen. Es sind häufig die so genannten Kriegsehen, hastig geschlossen zwischen zwei Fronturlauben, die sich als unhaltbar erweisen.

Aber auch langjährige Ehen scheitern massenhaft. Denn die Männer, die von der Front und aus der Gefangenschaft zurückkehren, müssen feststellen, dass in Deutschland nicht nur die Straßen und Städte in Trümmern liegen. Auch in Sachen Geschlechterordnung steht kein Stein mehr auf dem anderen. Vom "Männerstaat" (O-Ton Himmler), den die Nationalsozialisten propagiert und mit Mutterkreuzen, Berufsverboten für Frauen sowie dem Entzug ihres passiven Wahlrechts zementiert hatten, ist nicht mehr viel übrig.

"Die Emanzipation der Frauenwelt ist ein Merkmal des Volksverfalls", hatten die Nazi-Ideologen verkündet. Jetzt aber, wo fünf Millionen Männer gefallen und weitere elf Millionen in Kriegsgefangenschaft sind, hat die zum Glück emanzipierte Frauenwelt das Ruder übernommen und räumt die Trümmer auf, die zwölf Jahre Männlichkeitswahn – plus Mitläuferinnentum – hinterlassen haben. Und so prallen nun auch zu Hause die Fronten aufeinander.

Männer, die die letzten Jahre im Militär ausschließlich Befehlen gehorcht bzw. solche erteilt hatten, treffen auf Frauen, die in der selben Zeit in zerbombten Stadtvierteln nur Dank ihrer Selbstständigkeit und Improvisationskunst überlebt hatten. Männer, die das Kriegsgrauen in sich verschließen und nicht darüber sprechen, was sie an der Front gesehen und getan hatten, kehren zurück in Familien, die jetzt aus einem Frauen-Netzwerk aus (Schwieger)Müttern, Nachbarinnen und Freundinnen bestehen, die sich gegenseitig unterstützt und durch die schwere Zeit gebracht hatten. Männer, die führerlos und gedemütigt von der Niederlage nun zu Hause wieder ihren angestammten Platz als Familienkommandant einnehmen wollen, müssen feststellen, dass ihre Frauen inzwischen ihre Berufe übernommen haben. Die lassen sich als Straßenbahnfahrerinnen, Polizistinnen und Feuerwehrfrauen die Butter so schnell nicht vom Brot nehmen.

Männer, die krank und kaputt sind und erwarten, dass sie nun von ihrer treusorgenden Ehefrau gehegt und gepflegt werden, müssen erkennen, dass diese Frauen andere Sorgen haben: dass sie ebenso gezeichnet sind von Hunger und Bombennächten, dass sie sich um die Beschaffung der nächsten Mahlzeit kümmern – und, dass sie die Trümmer wegschaffen müssen. Sie tun das nicht nur, wie es der verklärende Mythos der "Trümmerfrau" will, aus "typisch weiblicher" Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft. Es ist profaner: Wer nicht zum Trümmerdienst geht, bekommt keine Lebensmittelkarten. Indem sie Steine klopfen und Schubkarren voll Schutt schieben, ernähren die Frauen sich und ihre Familien.

"Da wir alle nur die niedrigsten Lebensmittelkarten hatten, bin ich auf dem Bau arbeiten gegangen", erzählt Lina Wagner, eine von 27 Frauen, die Sibylle Meyer und Eva Schulze für ihr Buch "Von Liebe sprach damals keiner – Familienalltag in der Nachkriegszeit" ihre Geschichte erzählen ließen. Ihr Mann Horst, ein Buchhalter, war 1946 schwerkrank aus der russischen Gefangenschaft zurückgekehrt. "Er war todunglücklich, dass ich das machte. Aber es war die einzige Möglichkeit, um zu einer höheren Lebensmittelkarte zu kommen. Auf dem Bau gab's die höchste Karte I. Natürlich war's Schwerarbeit, das war nicht nur Steineklopfen, sondern Aufräumungsarbeiten mit der Spitzhacke, entrümpeln und die Karren schieben. Und das bei der schlechten Ernährung. Man hat ja dem Mann viel zu essen gegeben, damit er wieder hochkam."

Zwei Millionen Kriegsversehrte werden in Deutschland gezählt, nachdem die letzten Soldaten im Mai 1950 aus der Gefangenschaft entlassen worden waren. Zwei Drittel davon sind nicht oder kaum arbeitsfähig. Hinzu kommt: Klassische Lohnarbeit zählt nicht viel in Zeiten, in denen ein Stundenlohn bei 90 Pfennigen liegt, ein Brot auf dem Schwarzmarkt aber 90 Mark kostet. Was zählt, sind die erhamsterten Eier, der selbstgezogene Kohlkopf, der selbstgenähte Mantel, der auf dem Schwarzmarkt gegen Kohlen eingetauscht werden kann: die so genannte Subsistenzwirtschaft, die in diesen ersten Nachkriegsjahren das Metier von Frauen und Kindern ist. Bis die Währungsreform im Juni 1948 Geld in Westdeutschland und Westberlin wieder zu einem tauglichen Zahlungsmittel und Lohnarbeit wieder zu einer einträglichen Tätigkeit macht. Das ist der Moment, wo die Männer einsteigen – und die Frauen aus den einträglichen Berufen wieder verdrängen.

Aber noch stemmen in zahllosen Familien die Frauen den Großteil des Einkommens. Wie Anna Wilke, deren Mann Heinrich in einer Fabrik für Registrierkassen arbeitet. "Also, ernähren konnten wir uns davon nicht. Und bei mir war das so, dass die Arbeit, die ich nun gemacht habe: das Viehzeug füttern, Gemüse einmachen, sammeln, stoppeln, hamstern, Schwarzmarktgeschäfte, das hat ja alles mehr gebracht, als in irgendeinem Betrieb für ein bisschen Geld zu arbeiten", berichtet sie. Für viele Männer ist dies eine Demütigung, die zu handfesten Krächen führt. "Mein Mann hat das nur schwer verkraftet, dass ich so aktiv war und für uns mitgesorgt habe. Knapp war das Essen trotzdem noch. Und da hat er bei jeder Gelegenheit gemeckert, weil es so wenig war, was auf den Tisch kam. Er war ein großer Mann von 1,82 Meter und brauchte entsprechend viel. Aber wo sollte es denn herkommen? Er dachte immer, wir würden ihm was vorenthalten, und oft gab es Schreiereien, weil er so ungerecht war und völlig maßlos. Einmal wollte er sogar das Mädel schlagen, weil er dachte, sie hätte ein Stück Brot gemopst. Aber ich hatte es ihr gegeben. Das war ihm nicht recht. Also, es waren unerträgliche Situationen teilweise."

Auch die Ehe der Wilkes wird diese Nachkriegsjahre nicht überstehen; nicht zuletzt deshalb, weil Anna Wilke ihre kleine Tochter ständig vor den Wutanfällen ihres Mannes schützen muss. Auch dies ist für die Heimkehrer schwer auszuhalten: Viele sind ihren Kindern entfremdet, die ihren Vater kaum oder überhaupt nicht kennen und dagegen rebellieren, dass der "fremde Mann" nach Jahren des gemeinsamen Überlebenskampfes mit der Mutter nun wieder das Zepter übernehmen will. Und die Ex-Soldaten sind gewohnt, in Konflikten gewalttätig zu reagieren.

Millionen Kinder wachsen ohne Vater auf. Für manche hat die Abwesenheit des Patriarchen nicht nur bekümmernde Seiten. Besonders die "vaterlosen Töchter", so Cornelia Staudacher in ihrem gleichnamigen Buch, "… genossen eine erstaunliche Freiheit, bis sie in den Fünfzigern, den vom Wirtschaftswunder geprägten Jahren, zur Anpassung an veraltete Rollenmuster gezwungen wurden: Ordnung und Pflicht, Lächeln und Wohlverhalten waren jene weiblichen Tugenden, die wieder hoch im Kurs standen."

Direkt nach Kriegsende haben die Frauen die überholten Rollen und weiblichen Tugenden nicht nur in ihren Familien über Bord geworfen, sondern auch im öffentlichen Leben. Noch ist den Deutschen von den vier Siegermächten jede politische Betätigung verboten worden. Die Parteien sind gerade erst dabei, sich neu zu konstituieren. Stattdessen gründen sich nun in allen vier Sektoren die "Überparteilichen Frauenausschüsse". Nach zwölf Jahren der autokratischen Einparteienherrschaft, die den Frauen das passive Wahlrecht – also das Recht, gewählt zu werden – geraubt hatte, spiegelt sich in diesen Ausschüssen das gesamte Frauenvolk: Neben Frauen aus allen Parteien sind Gewerkschafterinnen und Betriebsrätinnen dabei; die Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Lehrerinnen, die ihre von den Nazis verbotenen oder vereinnahmten Berufsverbände wieder aufbauen, schicken ebenso Vertreterinnen wie die Hausfrauen. Und auch die überlebenden Frauen aus den jüdischen Gemeinden und andere Opfer des Naziterrors reden mit.

Ursprünglich waren die Frauenausschüsse von den Militärverwaltungen gedacht als Ansprechpartner zur Organisation des von Hunger und Wohnungsnot geprägten Alltags in den Besatzungszonen. Und damit beginnen sie auch. "Es gelang dem Frauenausschuss u.a., Säuglingsbettchen anfertigen zu lassen und sie mit Hilfe von Sammlungen völlig auszustatten. Ferner hat man angeregt, dass die Bergarbeiter einen Punkt abgeben werden und zwar monatlich, damit angehenden Müttern mit der nötigsten Säuglingswäsche geholfen werden kann", berichtet der Neue Westfälische Kurier über die Aktivitäten des Dortmunder Frauenausschusses.

"Kartoffelpolitik" werden diese Versuche der Frauen genannt, den Bedürftigsten das Nötigste zu beschaffen. Richtige Politik, soll das wohl heißen, geht anders. Es dauert nicht mehr lange, da begnügen sich die Kartoffelpolitikerinnen nicht mehr damit, sich in der "Fürsorge" zu betätigen. Sie beginnen mit politischen Schulungen und mischen sich in alle Fragen ein, die den Wiederaufbau des zerstörten Landes betreffen. In Dortmund zum Beispiel haben die Frauen fünf Arbeitskreise gegründet, von denen sich nur einer mit "Gesundheitspflege und  sozialer Betreuung" befasst. In den anderen geht es um "Wirtschaft und Ernährung", "Wohnungs- und Baufragen", "Rechts- und Arbeitsfragen" sowie "Schule, Kultur und Erziehung".

Schon bald sind die über 5.000 überparteilichen Frauenausschüsse im Nachkriegsdeutschland ein ernstzunehmender politischer Faktor, an dem auch die, die Frauen immer noch als Bürger zweiter Klasse betrachten, nicht mehr vorbeikommen. So verabschiedet der Charlottenburger Frauenaus- schuss in West-Berlin auf seiner Sitzung am 1. Oktober 1946, an der Vertreterinnen aus 16 Betrieben teilnehmen – darunter allein acht aus dem Baugewerbe –, folgende Resolution: "Wir heute hier versammelten, für die weibliche Belegschaft unserer Betriebe verantwortlichen Betriebsrätinnen und Frauenkommissionsleiterinnen, fordern gleichen Lohn für gleiche Leistung. Wir sehen in der Aufrechterhaltung des Unterschieds in der Entlohnung der gleichen Arbeit bei Mann und Frau eine Entwürdigung und Deklassierung unseres Wertes bei dem heutigen Wiederaufbau Deutschlands. Deutschland ist ohne die Arbeitskraft der Frau nicht wieder zu einem lebensfähigen Staat zu erwecken. Durch die Kriegsfolgen sind wir gezwungen, die Arbeit der Männer zu ersetzen. Wir sind doppelt belastet in der Funktion als Ernährer und Hausfrau und Mütter der Kinder. Wir verlangen, wie es einer gerechten, freien Demokratie würdig ist, gerechte Verteilung zwischen Mann und Frau an den gemeinsam geschaffenen Produkten und damit eine wirkliche Gleichstellung der Geschlechter."

Auch in Österreich, das ab März 1938 dem "Großdeutschen Reich" angeschlossen gewesen war, formierten sich die Frauen. Ein Foto vom 8. März 1947 zeigt tausende von Frauen auf dem Wiener Rathausplatz. Im selben Monat schließen sich die Frauenausschüsse im Ostsektor zum Demokratischen Frauenbund (DFD) zusammen, zwei Jahre später folgen die drei Westsektoren mit dem Deutschen Frauenring.

Es sieht nicht gut aus für den deutschen Mann. Das sieht auch die Werbung so. Wenn es nach ihr geht, soll er seine Socken jetzt selber waschen. Unter dem Titel "Gleiche Rechte – Gleiche Pflichten" wirbt Perlon für das neue, pflegeleichte Material: "Meine Herren, waschen Sie Ihr Perlon selbst: Ihre Hemden, Ihre Wäsche, Ihre Strümpfe … Sie können es und sind unabhängig!" In einer Umfrage befindet nun nicht einmal jede zweite Frau (aber zwei von drei Männern), zum Lebensglück sei eine Ehe nötig. Und Frauenzeitschriften titeln mit Geschichten über "Die glückliche Alleinstehende".

Manch eine der Frauen, von denen etliche die erste Frauenbewegung bewusst miterlebt hatten, träumte sogar vom "Matriarchat". Die Studienrätin Dorothea Klaje zum Beispiel wollte die Väter ganz abschaffen und die "Mutterfamilie" im Grundgesetz verankern. Ihre in der Öffentlichkeit hitzig diskutierte "völlige Reformierung unserer Gesellschaftsordnung" hatte sie als Eingabe beim Parlamentarischen Rat eingereicht.

Wäre es nach Dorothea Klaje gegangen, wäre der Herr im Haus durch eine Dame ersetzt worden. Und in der Tat: Es zogen in den letzten Kriegsjahren und gleich nach Kriegsende viele Frauen zu ihren Freundinnen. Auch die Oberlehrerin Klaje weiß davon zu berichten: "Die mir bekannten alleinstehenden Frauen der höheren Berufe, Studienrätinnen, Ärztinnen, Musiklehrerinnen, Malerinnen, leben mit einer Freundin zusammen (...) Dass dieses Zusammenleben meistens nur durch den Tod getrennt wird, spricht für seinen inneren Gehalt."

Die jüngeren Frauen, die in der Weimarer Republik und im Dritten Reich aufgewachsen waren, hatten ebenfalls die Nase voll von der Ehe. Warum sollten sie verheiratet sein? Sie brauchten keinen Mann als "Familienernährer", sie ernährten sich und ihre Kinder selbst. "Pausenlos klappert die Scheidungsmühle der Landgerichte", meldete Constanze 1948 in Heft 21: "Fast ins Uferlose ist die Flut der Ehescheidungsklagen angeschwollen. Mit 40-50 Scheidungen je Tag hält Berlin den Rekord der Scheidungsfreudigkeit in Deutschland. Aber Hamburg und Hannover liegen dicht auf."

So kann es natürlich nicht weitergehen. Und so lässt der Backlash, der damals noch nicht so hieß, nicht lange auf sich warten. Bereits 1947 hatten die katholischen Bischöfe in einem Hirtenbrief die "Familie" als "größte Hoffnung für den Aufstieg unseres Volkes" beschworen. Schließlich war die gottgewollte "natürliche" Ordnung gewaltig aus den Fugen geraten. Es herrscht ein "Frauenüberschuss" von fünf Millionen. In Berlin sind gerade einmal die Hälfte der Frauen verheiratet; jede dritte ist ledig, jede sechste verwitwet, der Rest geschieden. Jeder weiß, dass die Zahl der Scheidungen noch höher wäre, würde nicht das geltende Scheidungsrecht die "schuldig geschiedene" Frau in tiefe Armut stürzen, da sie keinerlei Anspruch auf Unterhalt hat.

Man munkelt, dass so manche Witwe, deren Mann seinen Kriegskrankheiten erlag, ein dunkles Geheimnis habe. "Bei einer Scheidung waren Frauen überhaupt nicht versorgt, als Witwe hingegen bekam man eine Witwenrente. Und so kam es sicher bisweilen zu 'Scheidungen auf Italienisch‘", sagt die Ex-Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit. Die Familienrechtlerin war bei Kriegsende 12 Jahre alt (s.S. 100). Peschel-Gutzeit streift hier ein Thema, das eines der letzten großen Tabus zu sein scheint: Die Frage, ob der Gattenmord in den Nachkriegsjahren gehäuft vorkam in dieser Welt, in der die Frauen Komplizinnen und die Männer Fremde geworden waren.

Manche Männer haben in der Heimat oder auf dem Weg dorthin mit neuen Frauen neue Familien gegründet, und auch etliche Frauen, deren Männer gefallen sind oder als vermisst gelten, sind inzwischen so genannte "Onkelehen" eingegangen: Sie leben mit neuen Männern, bleiben aber unverheiratet, damit sie ihre Witwenrenten nicht verlieren.

Und dann sind da in den Westsektoren noch die "Ami-Liebchen" und "Tommybräute". Obwohl das so genannte Fraternisierungsverbot herrscht, grassieren Beziehungen ganz unterschiedlichen Charakters zwischen deutschen Frauen und Soldaten der Besatzungsmächte. Sicher ist auch die eine oder andere Liebesgeschichte darunter. Aber zur "Subsistenzwirtschaft", mit der die Frauen das Überleben ihrer Familien sichern, gehört auch die Prostitution.

Vor allem im amerikanischen Sektor mit den "reichsten" Soldaten, deren Land – im Gegensatz zu den Engländern, Franzosen und vor allem den Russen – von Kriegshandlungen verschont blieb, stehen Frauen vor den Kasernentoren Schlange, um sich als Gegenleistung für einen Laib Brot, Dosenwurst oder die auf dem Schwarzmarkt so kostbaren Zigaretten anzubieten.

Die Kinder, die aus diesen Verbindungen entstehen, sind für die Militäroberen weniger das Problem. Sie lösen es rasch mit einer Verordnung, die ihre Soldaten von jeder finanziellen Verpflichtung für ihren Nachwuchs entbindet. Ernsthafte Sorgen bereiten ihnen jedoch die Geschlechtskrankheiten, mit denen die GIs nun massenhaft infiziert sind: die Veneral Diseases, kurz VD, die den deutschen Fräuleins den Beinamen "Veronika Dankeschön" einbringen. Die Lösung hierfür lautet: Razzien. "Es fuhren dann Lieferwagen durch die Straßen und nahmen die Frauen fest, die allein unterwegs waren", erinnert sich Dr. Ilse Kühne. Diese Frauen brachte man dann zu ihr ins Karlsruher Klinikum, wo die Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten sie untersuchte und behandelte.

Diese Massenprostitution der deutschen Frauen in den Nachkriegsjahren ist ein mindestens ebenso gut gehütetes Geheimnis der Nachkriegszeit wie die Massenvergewaltigungen, über die die Frauen genau so wenig sprechen (dürfen) wie ihre verstörten, verdrängenden und nicht selten depressiven Männer über ihre (Un)Taten und Traumata an der Front. Jedes sechste Kind aus diesen Nachkriegsjahren stammt von einem unbekannten Vater – oder Vergewaltiger. 

Fakt ist: Die so vielbeschworene Familie ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Dennoch bzw. gerade darum blasen im Westen die Bischöfe zur Attacke auf die "unnatürlichen" Zustände – getreu dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie fordern den "Schutz der Ehe", zum Beispiel durch das Verbot eheähnlicher Gemeinschaften, und das Verbot von Verhütungsmitteln. Sekundiert werden sie von den konservativen Politikern, die in der neuen Bundesrepublik an die Macht kommen, allen voran Franz Josef Wuermeling (CDU). Der streng katholische Vater von fünf Kindern gründet im frischgewählten Bundestag zunächst die "Kampfgruppe für die Familie", bevor er 1953 das erste deutsche Familienministerium durchsetzen wird, als dessen Chef er sich leidenschaftlich für die Befehlsgewalt des Vaters und gegen die Berufstätigkeit von Frauen einsetzt.

Doch bevor die Frauen in den 50er Jahren heim an den Herd geholt werden, erzielen sie 1949 noch einen historischen Erfolg: nämlich die Verabschiedung des Artikels 3, Absatz 2 der bundesrepublikanischen Verfassung, der da lautet: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Die Tatsache, dass die "Väter des Grundgesetzes", die die neue Verfassung im Parlamentarischen Rat formulieren sollen, sich mit aller Kraft gegen diesen so konsequenten, aber folgenschweren Satz sträuben, bringt die deutschen Frauen noch einmal geschlossen auf die Palme. Mobilisiert von Elisabeth Selbert (SPD) und den Frauenausschüssen und -verbänden, schicken die Frauen waschkörbeweise Protest-Postkarten nach Bonn. Dort werden sie den Herren des Parlamentarischen Rats auf die Schreibtische gekippt.

Im Sowjetsektor scheint sich das Problem von selbst zu lösen, denn der theoretische Anspruch, mit dem der realsozialistische Staat antritt, lautet von Beginn an: Gleichberechtigung der Geschlechter. Und so heißt es in dem Verfassungsentwurf, den die "Provisorische Volkskammer" am 30. Mai 1949, eine Woche nach der Bundesrepublik, verabschiedet: "Mann und Frau sind gleichberechtigt." In der Praxis muss jedoch auch hier der Demokratische Frauenbund dafür kämpfen, dass dem Gleichberechtigungsgrundsatz ein entscheidender Satz hinzugefügt wird: "Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben."

Wie wichtig dieser Zusatz ist, zeigt sich schon bald im Westen, wo es nach der Verabschiedung der Verfassung am 23. Mai 1949 noch Jahrzehnte dauern wird, bis die – nun verfassungswidrigen – Gesetze, die den Vater zum alleinigen Inhaber des Familienvermögens und zum Bestimmer über die Berufstätigkeit seiner Ehefrau machen, aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen sind.

Denn der Rückschlag ist gewaltig. In der Verfassung der neuen Bundesrepublik werden Ehe und Familie, die laut Artikel 6 "den besonderen Schutz des Staates" genießen, gleichgesetzt. Und das, obwohl diese Gleichsetzung schon damals völlig an der gesellschaftlichen Realität vorbeigeht. Das wissen nicht nur SPD und KPD, die sich für die Anerkennung von vaterlosen Familien einsetzen, sondern das weiß auch die emanzipierte Frauenzeitschrift Constanze, die nun, ganz wie Oberlehrerin Klaje, ebenfalls für die Anerkennung so genannter "Frauenfamilien" plädiert, also solchen, die aus zwei Frauen plus Kindern bestehen. Vergeblich.

"Unter den zu schützenden Familien verstanden die konservativen Abgeordneten ausschließlich jene, die auf einer Ehe basierten. Ausdrücklich beschrieb die CDU Familien ohne Gatten als Relikt der düstereren Vergangenheit, während sie die Gattenfamilien als Repräsentation der Zukunft ansahen", beschreibt Historikerin Kirsten Plötz in ihrem Buch "Als fehle die bessere Hälfte – alleinstehende Frauen in der frühen BRD".

Von nahezu allen Plätzen, die sich die Frauen erobert hatten, werden sie nun wieder verdängt: von den Arbeitsplätzen, die sie wieder räumen müssen ebenso wie von der politischen Macht, die sie sich erobert hatten. Es geziemt sich nun für die deutsche Frau, wieder ganz Hausfrau und Mutter zu sein. Die "Kartoffelpolitik" wird wieder Parteipolitik, und in der spielen Frauen keine Rolle mehr. Nachdem die Parteivorstände so genannte Unvereinbarkeitsbeschlüsse erlassen haben, die ihren weiblichen Mitgliedern die Mitarbeit in den Frauenausschüssen verbieten, verlieren die Ausschüsse an Kraft und werden schließlich aufgelöst.

Da setzen sich die westdeutschen Politiker sogar über die Anweisungen der Besatzer hinweg, die die Frauenausschüsse als verlässliche Säule der Nachkriegspolitik kennen – und schätzen gelernt haben. So weisen die Briten den Stadtdirektor von Münster 1948 anlässlich der Kommunalwahlen an: "Die englischen Behörden der Militärregierung wünschen die zunehmende Würdigung der deutschen Frau im öffentlichen Leben – einschließlich Wohlfahrt, Kultur und Politik." Schließlich bewiesen "die Errungenschaften der deutschen Frauen als Mütter und Hausfrauen, dass ihre Talente ausgebildet werden könnten, um sie für weitere Gebiete, über die Aufgaben der Hausfrau hinaus, nutzbar zu machen. Aus diesen Gründen begrüßen die englischen Behörden nicht nur Vereinigungen wie den Frauenring, den Geschäfts- und Berufsclub für Frauen und den katholischen Frauenbund, sondern sie möchten darüber hinaus, dass mehr Frauen an den örtlichen Regierungen teilhaben, sowohl als gewählte Mitglieder von Räten, wie auch als mitarbeitende Mitglieder von Ausschüssen."

Offenbar waren die Wünsche der deutschen Politiker andere als die der britischen Besatzer. Sie stellten so wenig Kandidatinnen auf, dass schließlich von 33 Mitgliedern des Münsteraner Stadtrats nur zwei weiblich waren. Die Münsteranerinnen waren außer sich. Sie schrieben einen Protestbrief an den Rat:

"Betroffen und entrüstet haben die Frauen Münsters Kenntnis genommen von den Wahllisten der politischen Parteien und dem entsprechenden Wahlergebnis. Die beiden einzelnen Frauen, die durch zwei Parteien in das Stadtparlament gekommen sind, können nicht als eine genügende Berücksichtigung der weiblichen Wählerzahl (60%) und ihrer Einstellung zu den Fragen des öffentlichen Lebens anerkannt werden. Die in den unterzeichneten Verbänden zusammengeschlossenen Frauen Münsters sind der Ansicht, dass ihre 30-jährige politische Mündigkeit und die bisherige nicht bedeutungslose Arbeit von Frauen im öffentlichen Leben es recht und billig hätten erscheinen lassen, wenn man der Frau in heute so bedeutsamer und schicksalhafter geschichtlicher Stunde einen entsprechenden Einfluss eingeräumt hätte beim Neuaufbau des Staates. Man gewinnt den Eindruck, dass man die Frau hier nicht als vollwertige Persönlichkeit neben den männlichen Kandidaten stellt, sondern nur als notwendiges Zugeständnis an eine moderne Zeitströmung."

Diese "moderne Zeitströmung", der mächtige Aufbruch der Frauen in den ersten Nachkriegsjahren, neigt sich langsam seinem – vorläufigen – Ende. Als sich eine Leserin in Constanze darüber beklagt, dass ihr Mann "kaum zum Familienunterhalt beiträgt", aber dennoch "Befehlsgewalt" einfordere, antwortet ihr Walter von Hollander, einer der bekanntesten zeitgenössischen Publizisten: "Über die Rechte sollte man nicht so viel nachdenken. Aber jede Frau hat die Pflicht, heiter und anmutig zu sein, so gut es unter den heutigen Umständen geht."

Nach dem Scheitern des Männlichkeitswahns war nun wieder der Weiblichkeitswahn angesagt. Und das nicht nur in Deutschland. Betty Friedan hat in den 60er Jahren mit ihrer Analyse des amerikanischen "Weiblichkeitswahns", der bei den Frauen der heimkehrenden GIs grassierte, den ersten prä-feministischen Augenöffner der Neuen Frauenbewegung geschrieben.

Was sich aus diesen Erfahrungen lernen lässt? Erstens, dass die Töchter dieser Mütter die Emanzipation nicht erfunden haben. Zweitens, dass Frauenrechte, die für selbstverständlich gehalten werden, sehr schnell auch wieder zunichte gemacht werden können. Es sieht vor 60 Jahren jedenfalls nicht gut aus für die deutsche Frau.
 

Zum Weiterlesen:

FrauenMuseum Bonn (Hrsg.): Politeia. Szenarien aus der deutschen Geschichte nach 1945 aus Frauensicht
Kirsten Plötz: Als fehle die bessere Hälfte. "Alleinstehende" Frauen in der frühen BRD 1949–1969 (Ulrike Helmer Verlag)
Sibylle Meyer/Eva Schulze: Von Liebe sprach damals keiner + Wie wir das alles geschafft haben (beide C.H. Beck)
ARGE Generationendialog: Aus der dunklen in eine helle Zeit – Frauengeschichten aus den Aufbaujahren 1945–1955 (echo)

Artikel teilen
 
Zur Startseite