In der aktuellen EMMA

Frauen in der Krise: Und was nun?

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Ein Jahr Corona: Die Pandemie lässt noch immer tief blicken. Frauen wirft sie weit zurück, so viel ist leider schon sicher. Privat, beruflich, gesellschaftlich.

EMMA sprach mit Betroffenen, die für viele Frauen sprechen könnten. Zum Beispiel die Altenpflegerin Eva Ohlerth, die das System der Altenpflege – bereits vor Corona – beschämend fand. Oder Larissa Rauter (Foto li), Mitarbeiterin des Kinderhilfswerks Arche, die den Alptraum beschreibt, den „ihre“ Kinder gerade durchleben. Heike Riedmann (Foto re) ist Mutter von zwei Kindern und eine der Gründerinnen der Initiative „Familien in der Krise“. Warum? Weil Mütter am Ende sind! Das gilt besonders für die Alleinerziehenden unter ihnen: Nicola Stroop vom „Verband der Alleinerziehenden Mütter und Väter NRW“ weiß einiges zu berichten.

Claudia Wiesner ist Ökonomin. Sie hat die Geldverteilung des Konjunkturpaketes analysiert und kommt zu dem Schluss: Es ist für Männer gemacht! Und die Kölner Kabarettistin Dagmar Schönleber (Foto mi)? Die spricht für die vielen Frauen auf und hinter der Bühne. Auch sie haben es doppelt schwer.

Was nun passieren muss: Jetzt in der aktuellen März/April-EMMA lesen!

 

 

 

 

DIE ALTENPFLEGERIN
Die Altenpflegerin Eva Ohlerth kämpfte schon lange vor Corona für mehr Lohn in der Pflege und gegen Missstände in Heimen. Sie ist die einzige Pflegerin, die öffentlich die Stimme erhebt. Forderungen nach Lohnerhöhungen wurden laut, für Pflegerinnen wurde geklatscht. Und nun, Frau Ohlerth?

„In den Pflegeheimen hat sich nichts verbessert. Immerhin arbeiten manche Heime nun mit Schnelltests, sodass zumindest eine Tochter ihre sterbende Mutter verabschieden kann. Aber auch das geht nicht immer, noch immer sterben viele Menschen allein und an Vereinsamung.
Im zweiten Lockdown habe ich das Gefühl, die Menschen beruhigen sich damit, dass „ja nur die Alten“ sterben. Die Anteilnahme, die es im ersten Lockdown noch gegeben hat, ist weg. Und uns Pflegerinnen will auch keiner mehr hören. Außer dem anfänglichen Geklatsche ist wirklich nichts passiert.
Es gab weder die großangekündigte Lohnerhöhung, noch wurden die Boni konsequent ausgezahlt. Findige Träger haben Schlupflöcher gefunden, wenn Bedingungen nicht zu 100 Prozent erfüllt wurden, wie zum Beispiel ein freier Tag in der Lockdown-Zeit – und dann wurde gar nichts ausgezahlt.
Ein Kreisverband vom Deutschen Roten Kreuz hat sogar einen Aufruf an seine Pflegekräfte gestartet, ihren Bonus zurückzugeben, weil es wirtschaftliche Probleme gab. Es ist beschämend, wie mit uns umgegangen wird.
Das Personal ist bundesweit mittlerweile so knapp, dass das Arbeitsrecht ausgehebelt wird und unsere Schichten verlängert werden. Uns fehlt es nach wie vor an ausreichenden Schutzkitteln und Handschuhen. Wir Pflegerinnen sind teilweise nicht mehr in der Lage, auf uns selbst aufzupassen.
Wie sollen wir da guten Gewissens auf alte Menschen aufpassen? Das ganze System der Pflege ist krank, und es wird auf dem Rücken der alten Menschen und der Pflegerinnen ausgetragen. Die Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Pflegebranche ist der wahre Kern allen Übels. Die Altenpflege ist zu einem Geschäft geworden. Corona macht deutlich, wohin dieses Modell geführt hat. Was muss denn noch passieren?
Eines der reichsten Länder Europas hat die Pflicht, sich nicht nur um seine Wirtschaft, sondern auch um seine alten Menschen zu kümmern! Und das sollte eine Selbstverständlichkeit sein!“

Larissa Rauter - Foto: privat
Larissa Rauter - Foto: privat

DIE ARCHE-MUTTER
Larissa Rauter ist Leiterin der ArcheKinderstiftung München-Moosbach. Das christliche Kinder- und Jugendwerk kümmert sich um sozial benachteiligte Kinder. Und nun, Frau Rauter?

„Normalerweise kommen um die 120 Kinder von fünf bis 15 Jahren jeden Tag zu uns, machen ihre Hausaufgaben, bekommen zu essen, spielen, werden psychologisch betreut. Nach dem ersten Lockdown ist der Kontakt zu einigen komplett abgebrochen. Um sie mache ich mir die größten Sorgen.
Wir hatten uns im März schnell der Situation angepasst, unser Team digitalisiert, um den Kontakt zu den Kindern nicht abreißen zu lassen. Wir haben Essen verteilt, Online-Schulnachhilfe auf den Weg gebracht und waren per WhatsApp ein täglicher Begleiter der Kinder. Aber bereits nach dem ersten Lockdown haben wir gesehen, wie verheerend Corona für die Kinder ist, besonders für die kleinsten unter ihnen. Kinder brauchen Kinder. Diese Isolation, dazu die oft angespannte Situation zuhause, setzt ihnen schwer zu. Viele haben sogar Deutsch verlernt, weil sie sich isoliert in ihren beengten Wohnungen nur noch in ihrer Muttersprache verständigen.
80 Prozent unserer Kinder haben einen Migrationshintergrund, sie leben im sozialen Wohnungsbau, in Notunterkünften oder mit mehreren Geschwistern in einer Einzimmerwohnung. Die häusliche Gewalt ist enorm gestiegen. Das Jugendamt und auch die ambulanten Erziehungshilfen aber waren im ersten Lockdown selbst bei Kindeswohlgefährdung oft nicht erreichbar. Ich musste oft überlegen, wann ich die Polizei reinschicke.
Für die meisten unserer Kinder war diese Zeit ein einziger Alptraum. Als sie wieder zu uns kommen durften, sahen viele kränklich aus, hatten zugenommen und tiefe Augenringe, waren lethargisch. Und alle waren hungrig nach Aufmerksamkeit, nach jemandem, der ihnen zuhört. Ihnen liegt so vieles auf der Seele. Manche konnten nicht einmal mehr lachen. Und sie waren einfach nur dankbar, mal ein, zwei Stunden von zuhause weg zu sein.
Und unsere Kinder haben immerhin uns, die Arche.
Wir haben mit Kindern und Müttern ein Codewort vereinbart. Wenn sie es uns nennen, schicken wir die Polizei. Das Problem ist, dass die Frauenhäuser überfüllt sind. Einige Mütter haben sich entschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen, aber sie müssen mit ihm weiterhin unter einem Dach leben, weil sie nirgendwo hinkönnen.
Finanzielle Unterstützung darf nicht nur in die Wirtschaft fließen. Eine Notbetreuung in Kita und Schule muss auch für Kinder aus sozial benachteiligten Familien greifen.
Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut, was sich durch Corona noch verschärfen wird. Und wir sehen jeden Tag, was Armut für diese Kinder wirklich bedeutet."

Heike Riedmann - Foto: privat
Heike Riedmann - Foto: privat

DIE KRISEN-MUTTER
Heike Riedmann ist Mutter von zwei Kindern und eine der Gründerinnen der Initiative „Familien in der Krise“, die in diesen Tagen zum bundesweiten Verein „Initiative Familien“ wird. Viele der Mütter sind nicht nur enttäuscht, sie sind am Ende ihrer Kräfte. Und nun, Frau Riedmann?

„Eigentlich müssten wir Mütter genau jetzt kämpfen, uns vor das Kanzleramt stellen und demonstrieren. Uns fehlt aber die Kraft, wir gehen auf dem Zahnfleisch. Wir tragen die Hauptlast in den Familien, machen parallel Homeoffice und Homeschooling, gehen einkaufen und schmeißen den Haushalt.
Wir leben unseren Kindern gerade wieder die traditionelle Hausfrau vor. Noch dazu die Mutter, die mit allem überfordert scheint.
Die Pandemie verursacht strukturelle gesamtgesellschaftliche Probleme, aber in den Familien werden sie zur Privatsache erklärt. Das ist von politischen Entscheidern so gewollt.
Schon ab März 2020 hätten die Belange der zehn Millionen Kinder mit im Fokus stehen müssen. Müttern ist es egal, ob die Mehrwertsteuer sinkt oder ein paar Euro mehr Kindergeld kommen. Wir brauchen eine gesicherte Kinderbetreuung.
Wie kann es sein, dass die Länder seit Sommer noch immer keine Krisenstrategie für die Schulen und in der Kinderbetreuung auf den Weg gebracht haben? Corona zeigt, wie unglaublich unflexibel der ganze Bildungsapparat funktioniert. Familien haben keine Lobby. Es gab schneller Konzepte für Kirchen, Fußballstadien und Fitnessstudios als für Schulen und Kitas.
Unsere Initiative hat Anregungen für Hybridunterricht und Klassenteilungen vorgelegt, wir haben den Vorschlag gemacht, StudentInnen einzubinden oder mehr Schnelltests zu machen, um nicht gleich ganze Klassen oder Schulen in Quarantäne schicken zu müssen. So hätte immerhin der zweite Lockdown abgefedert werden können. Aber alles wurde vom Tisch gefegt.
Schon vor Corona mussten sich Mütter ein Bein ausreißen, um beruflich mithalten zu können. Noch immer wird kein Vater schief angeguckt, wenn er drei Kinder hat und Vollzeit arbeitet. Der zweite Lockdown katapultiert Frauen wieder zurück in längst überkommen geglaubte Muster. Frauen werden es in Zukunft nicht nur wieder ein Stück schwerer haben, die Karriereleiter hochzuklettern, viele werden ihren Job verlieren.“

Nicola Stroop - Foto: privat
Nicola Stroop - Foto: privat

DIE ALLEINERZIEHENDE
Nicola Stroop vom „Verband der Alleinerziehenden Mütter und Väter“ (VAMV NRW) hat den bundesweiten Lagebericht zur Situation von Alleinerziehenden in der Corona-Krise erstellt. Fazit: Die Corona-Krise trifft Alleinerziehende so stark wie keine andere Gruppe. Und nun, Frau Stroop?

„Für die 1,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland ist das System komplett aus den Fugen geraten. Selbst arbeiten und gleichzeitig Kinder betreuen und beschulen – das funktioniert einfach nicht. Das funktioniert schon in Paarbeziehungen schlecht, aber für Alleinerziehende ist es besonders anstrengend. Problematisch ist, dass der Staat Maßnahmen verhängt, die in Hinblick auf den Infektionsschutz sicher sinnvoll sind. Das Betreuungsproblem durch geschlossene Kitas und Schulen wurde ins Private verlagert. Das kann aber nicht von allen Eltern gleichermaßen aufgefangen werden. Deswegen muss die wegfallende Säule dringend strukturell kompensiert werden: Entweder muss eine Notbetreuung zur Verfügung stehen oder es muss einen funktionierenden finanziellen Ausgleich geben.
Immerhin ist die Notbetreuung für kleinere Kinder im zweiten Lockdown aufrechterhalten worden, da wurde dazu gelernt. Doch in der Notbetreuung gelten in NRW verkürzte Öffnungszeiten, die oft nicht mit den Arbeitszeiten der Alleinerziehenden in Einklang gebracht werden können. Unser Verband hat deshalb ein CoronaElterngeld für Alleinerziehende gefordert. Dabei hätten Eltern die Wahlmöglichkeit, ob sie ihre Kinder zuhause betreuen oder weiterhin arbeiten gehen und die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Die Aufstockung der Kinderkrankentage ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber auch hier muss nachjustiert werden.
Wir haben bereits im ersten Lockdown ein Krisentelefon eingerichtet. Seitdem haben uns mehr als 1.000 Menschen angerufen, die nicht wussten, wie es weitergehen soll. Irgendwie haben sie sich gerettet. Nun, im zweiten Lockdown merken wir, dass die Erschöpfung noch größer geworden ist. Jetzt geht es wirklich an die Substanz. Die Corona-Krise hat die vielfach bereits bestehenden persönlichen Krisensituationen weiter verstärkt. Alleinerziehende brauchen jetzt – aber auch zu „normalen“ Zeiten – eine Anlaufstelle, an die sie sich wenden können.“

Claudia Wiesner - Foto: privat
Claudia Wiesner - Foto: privat

DIE ÖKONOMIN
Von den 167,4 Milliarden Euro an Konjunkturmaßnahmen gehen gerade einmal 6,69 Milliarden (4 Prozent) an Branchen und Bereiche, in denen vorwiegend Frauen sind. Errechnet hat das Claudia Wiesner, Professorin für Politikwissenschaft an der Fulda University of Applied Sciences und Mutter von zwei Kindern. Und nun, Frau Wiesner?

„Das ist ein Konjunkturpaket für Männer. Mit diesem Paket greift die Regierung auf altbewährte Muster zurück: Konjunkturförderung heißt Förderung der Baubranche oder der ITBranche. Wir sind eine IndustrieNation, wir sind wirtschaftsorientiert. Aber das Paket ist unausgewogen. Die Bundesregierung widerspricht mit diesem Konjunkturpaket auch ihrer Selbstverpflichtung, all ihre Maßnahmen geschlechtsneutral auszurichten und hat sogar ihre eigenen Förderlinien vergessen. Frauen und Gleichstellungspolitik sind im Krisenmanagement der Bundesregierung kein Thema. So hat zum Beispiel auch die Bundeskanzlerin im Corona-Kabinett auf die Familienministerin verzichtet. Das haben viele, wie etwa die Leopoldina, die in ihren Papieren weder Familien- noch Gleichstellungsbelange berücksichtigt hat.
Natürlich haben Mütter im Lockdown viel stärker als die Väter die Totalausfälle in der Kinderbetreuung aufgefangen. Und es liegt auch an unseren Gehaltsstrukturen. Zum Beispiel verdienen Frauen in Deutschland im Schnitt ein Fünftel weniger als Männer. Das führt jetzt dazu, dass Frauen weniger Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld bekommen, weil ihr Nettolohn kleiner ist. Außerdem arbeiten Frauen häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen – auch, wenn ihr Job systemrelevant ist.
Und: Frauen sind nicht nur kein Thema, sie sind auch keine Entscheiderinnen. Von den 16 Bundesländern werden nur zwei von Ministerpräsidentinnen regiert. Nur zehn Prozent aller Bürgermeister-Posten sind mit Frauen besetzt. Damit sind die Lebensrealitäten von Frauen kaum präsent. Einen Aufschrei zu meiner Studie hat es nicht gegeben.“

Dagmar Schönleber - Foto: Ralf Bauer
Dagmar Schönleber - Foto: Ralf Bauer

DIE KULTURFRAU
Ihr Job ist das hinzukriegen, was vielen Frauen gerade vergangen ist: das Lachen. Die Kölner Kabarettistin Dagmar Schönleber steht seit 20 Jahren auf der Bühne. Vor zwei Jahren hat sie die „Sisters of Comedy“ gegründet, ist mit Frauen aus der Kulturbranche sowohl auf als auch hinter der Bühne vernetzt. Und nun, Frau Schönleber?

„Im ersten Lockdown haben viele von uns ein bisschen durchgeschnauft. Der Sommer war zwar hart, weil wir viele Einbußen hatten, aber er hatte auch Symbolkraft. Die Szene ist zusammengerückt. Das habe ich so noch nie erlebt. KünstlerInnen, VeranstalterInnen, Agenturen waren unglaublich kreativ und haben richtig gute, umsichtige Konzepte auf die Beine gestellt, um weiterhin Auftritte zu ermöglichen. Auch die Beziehung zum Publikum war besonders, weil es eben so eine Ausnahme-Situation war.
Dann kam der zweite Lockdown, nichts ging mehr. Und wieder kam keine finanzielle Unterstützung bei uns an. Wir KünstlerInnen fühlen uns einfach nur noch verarscht. Und es trifft ja nicht nur die Menschen auf der Bühne, der ganze Apparat hängt dran: AutorInnen, TechnikerInnen, BeleuchterInnen, BookerInnen, VeranstalterInnen. Fast alle gehen an ihre Altersvorsorge. Viele dürfen keine Grundsicherung beantragen, weil sie zu viel Vermögen haben. Das „Vermögen“ ist aber die Altersvorsorge, für die jeder Selbstständige sorgen muss. Wer kann, sucht sich jetzt einen anderen Beruf. Quer durch die Bank, ob große oder kleine Häuser, es wird ein Sterben in der Kulturszene geben.
Und Frauen, die auf der Bühne stehen, haben es doppelt schwer. Denn wie bei allen anderen Frauen auch, kommt bei ihnen die Doppelbelastung mit Kindern und Haushalt dazu. Künstlerinnen sind oft Einzelkämpferinnen, es gibt viele Alleinerziehende unter uns, das bringt der Beruf so mit sich. Und die, die einen besserverdienenden Mann zur Seite haben, sind nun natürlich in völliger Abhängigkeit.
Was uns alle aber am meisten fertig macht, ist die Frage, ob wir überhaupt unterstützungswürdig sind. Als wäre das, was wir machen, kein Beruf, sondern unser Privatvergnügen. Wir alle hoffen auf den Sommer, vielleicht wendet sich doch noch alles zum Guten. Der nächste Auftritt der Sisters of Comedy ist im November. Kommen Sie vorbei!“

Aufgezeichnet von Annika Ross.

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