In der aktuellen EMMA

Die Drama-Phase

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Nachdem die Sorge um die besonders gefährdeten alten Menschen lange den gesellschaftlichen Diskurs in der Pandemie dominierte, melden sich nun vermehrt Fachleute zu Wort, die auf die enormen Belastungen der Coronakrise für die 13 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland hinweisen. So zeigte zum Beispiel die zweite Befragung der repräsentativen COPSY-Studie im Februar 2021, dass sich die Lebensqualität und die psychische Gesundheit bei den Aufwachsenden weiter verschlechtert hat.

Fast jedes zweite Kind leidet inzwischen unter psychischen Auffälligkeiten wie depressiven Verstimmungen, psychosomatischen Beschwerden, Ess- und Schlafstörungen sowie Verhaltensproblemen. Einmal mehr sind vor allem die Aufwachsenden aus sozial schwächeren Verhältnissen und mit Migrationshintergrund stärker betroffen. Zwar bedeutet der Lockdown auch für Familien mit Haus, Garten und Eltern im Homeoffice eine große Belastung. Doch ist es nicht zu vergleichen mit jener von Familien oder Alleinerziehenden, die in engen Wohnverhältnissen und in Armut diese Monate überstehen müssen.

Bei Jugendlichen kommt erschwerend dazu, dass sie ihre altersspezifischen Entwicklungsaufgaben ohne real stattfindende Aktivitäten im außerfamiliären, sozialen Raum kaum bewältigen können. Die Adoleszenz bezeichnet in der Psychoanalyse die seelischen Entwicklungen, die vor allem durch die körperlichen Veränderungen, die Pubertät, ausgelöst werden. In den letzten Jahren haben NeurowissenschaftlerInnen vermehrt auf die enormen Veränderungen des Gehirns durch den Einfluss der Reifung der Fortpflanzungsorgane und dem damit verbundenen Anstieg der gonadalen Steroidhormone in diesem Alter hingewiesen. Da werden buchstäblich viele Karten neu gemischt. Damit bestätigen sie die Auffassung von PsychoanalytikerInnen, dass die Adoleszenz sowohl eine „zweite Chance“ als auch eine „Phase der Gefährdung“ darstellt.

Erfahrungen aus der eigenen Lebensgeschichte werden wiederbelebt und können nun – als Jugendliche – oft produktiver gelöst werden als in früheren Entwicklungsphasen. Auf diese Weise können zum Beispiel Traumata aus der Kindheit besser bewältigt werden. Auf der anderen Seite besteht aber auch die Gefahr von Retraumatisierungen und schwierigen psychischen Entwicklungen. Darauf deuten die erhöhte Suizidgefahr, tödliche Unfälle und Gewaltexzesse hin, die häufiger bei Jungen vorkommen; oder auch Erkrankungen wie Magersucht, Bulimie, Suchterkrankungen und Depressionen, von denen mehr Mädchen betroffen sind.

Klassische psychoanalytische Adoleszenzforscher, von Erik Erikson bis Peter Blos, haben vier spezifische Entwicklungsaufgaben für die Adoleszenz beschrieben: Die psychische Integration der Körperveränderungen der Pubertät in das Selbstbild, die innere und äußere Ablösung vom Elternhaus und die damit verbundene Suche nach eigenen Ich-Idealen und Über-Ich-Inhalten, das Finden von außerfamiliären Liebesobjekten, sowie die Entwicklung einer eigenen Identität. Sowohl der pubertäre Triebschub als auch die Entwicklung der Fähigkeit zu abstraktem Denken werden dabei als mächtige Triebfedern für diese adoleszenten Entwicklungsprozesse gesehen.

Die Fähigkeit des abstrakten Denkens, die sich erst in diesem Alter entwickelt, befähigt dazu, quasi eine Vogelperspektive einzunehmen und über sich selbst, den eigenen Körper und die persönlichen, in der Kindheit erworbenen Werte und Ideale, sowie vorherrschende Bindungsmuster nachzudenken und sie dadurch reflexiv zu begreifen. „Wer bin ich?“ wird zur zentralen Frage in dieser Entwicklungsphase. Die Selbst- und Identitätsfindung ist in unseren Gesellschaften zu einem komplexen und störungsanfälligen Entwicklungsprozess geworden, der oft mehrere Jahre dauert.

Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis zeigen, dass das innere Probehandeln in der Phantasie dank der neu erworbenen Fähigkeiten zur Selbstreflexion und Metakommunikation unverzichtbar ist. Vor dem inneren Spiegel werden neue Verhaltensweisen und Phantasien, über einen Beruf, eigene politische und weltanschauliche Positionen, aber auch geschlechtsspezifische Rollen, Sehnsüchte und Verhaltensweisen, durchgespielt und bewertet. Erwünschte Selbstanteile werden in das sich bildende Identitätsgefühl integriert, unerwünschte wieder ausgestoßen.

Gleichzeitig kann die Selbst- und Identitätsfindung nie ausschließlich im psychischen Innenraum, in der Phantasie, stattfinden: Sie braucht unbedingt das Ausprobieren und die konkreten Erfahrungen im sozialen Raum. Wie komme ich an mit dieser Frisur, mit diesem Stil, mich zu kleiden, mich körperlich auszudrücken und mich zu verhalten, zu diskutieren? Wie reagieren andere auf mich? Welche Menschen werden angezogen, welche eher abgestoßen, wenn ich aufmüpfig, selbstbewusst und trotzig – unabhängig auftrete? Welche, wenn ich einfühlsam, sozial engagiert und offen für Dialoge mit Anderen bin etc.?

Das Selbst und ein stabiles Identitätsgefühl kann sich nur durch den Blick in den Spiegel von bedeutsamen Anderen entdecken und stabilisieren. Analoges gilt für das eigenständige Überprüfen von kulturell mitgeprägten Werten und Idealen, die ursprünglich vor allem von der Familie vermittelt, nun aber als eigene in Besitz genommen werden. Auch diese werden im realen Handeln ausprobiert und auf ihre Wirkung auf Andere kritisch überprüft.

In Zeiten des Lockdowns wächst die Gefahr, dass die sozialen Medien die realen Beziehungen nicht nur ergänzen, sondern sogar ersetzen. Dies kann weitreichende Folgen für die Selbst- und Identitätsfindung haben, denn, wie schon Freud es wusste: Das Ich ist ursprünglich ein Körperliches und bleibt dies ein Leben lang! Fehlt die körperliche Erfahrung des Sehens, Riechens, Fühlens und Spürens, geht das Fundament des eigenen Identitätsgefühls verloren. Analoges gilt auch für den inneren und äußeren Ablösungsprozess vom Elternhaus. Die neu erworbene Fähigkeit zur Metakommunikation ermöglicht, die eigenen Eltern als Bindungsfiguren kritisch zu bewerten und sich von eingeschliffenen Bindungsmustern zu distanzieren. Jugendliche, die aufgrund ihrer frühen Beziehungserfahrungen die Chance hatten, eine stabile innere Welt sowie eine sogenannte „sichere Bindung“ zu entwickeln, tragen Konflikte mit den Eltern auf eine Art und Weise aus, bei der Autonomiewünsche mit den Bestrebungen, die Beziehung zu den Eltern zu erhalten, ausbalanciert werden. Sicher gebundene Jugendliche verfügen über die innere Sicherheit, das Urvertrauen, Neugierde auf außerfamiliäre Bezugspersonen zu entwickeln und neue soziale Erfahrungen auszuprobieren. Motiviert dafür werden sie auch durch sexuelle Wünsche und Phantasien. Dieses Ausprobieren ist entscheidend, um schließlich außerfamiliäre Liebesbeziehungen zu finden. Eine wichtige Rolle in diesem Entwicklungsprozess spielen dabei außerfamiliäre Erwachsene und vor allem die Gleichaltrigen, die Peers. Bindungswünsche werden mehr und mehr von der Eltern-Kind-Beziehung auf neue emotional bedeutsame und intime Beziehungen zu Gleichaltrigen verlagert und neu ausgerichtet. Bei Jugendlichen, die in ihrer frühen Kindheit weniger Glück hatten und einen unsicheren oder desorganisierten Bindungstyp entwickelten, gibt es kaum ungestörte Transformationen der Bindungsbeziehungen. Die Ablösung von den Eltern verläuft meist konflikthaft. Ihre weitere psychische und psychosoziale Entwicklung ist oft gefährdet. Gerade für diese Gruppe von Jugendlichen sind korrigierende, neue Beziehungserfahrungen entscheidend, um die Adoleszenz als „zweite Chance“ für sich werden zu lassen.

anz besonders trifft dies für Jugendliche mit Migrationshintergrund zu. Denn sie müssen zusätzlich zu der ohnehin komplexen Identitätsfindung noch einen kulturellen Integrations- und Transformationsprozess durchlaufen. Es ist daher zu befürchten, dass gerade jugendliche Migrantinnen der ersten und zweiten Generation in ihrer Identitätsfindung in Zeiten der Pandemie, etwa durch die soziale Isolation, in ganz besonders gravierender Weise beeinträchtigt werden. So klagte die jugendliche Jasmin, die in Deutschland aufgewachsen ist, kürzlich in einem psychotherapeutischen Gespräch, um das sie wegen eines depressiven Zusammenbruchs gebeten hatte: „Ohne meine Freundinnen in der Schule verliere ich die Hoffnung, dass ich es schaffe, anders zu werden als meine Mutter, die immer noch kaum deutsch spricht und sich meinem Vater vollständig unterordnet. Zuhause habe ich keine Chance, anders zu sein als sie: Ich werde selbstverständlich eingespannt, im Haushalt, beim Putzen und Kochen – und habe am Tisch zu schweigen. Zuhause muss ich zu einer Frau werden, wie das eben im Land meiner Eltern erwartet wird …“ Doch belastet die lange anhaltende Pandemie die Entwicklungsprozesse aller Jugendlichen mehr oder weniger intensiv. Daher ist für sie zu hoffen, dass sie ihre Kreativität und ihren Einfallsreichtum einsetzen, um – wie Franziska – ihre familiären Ressourcen einzusetzen oder aber, wenn dies in der Familie nur begrenzt möglich ist, die auch in der Pandemie noch bestehenden sozialen Freiräume für persönliche, reale Kontakte zu nutzen. Auch mit Masken und Sicherheitsabstand kann man mit einer oder wenigen Freundinnen und Freunden joggen gehen, Fahrradtouren unternehmen oder im Freien gemeinsam Musik machen, tanzen etc. Alles ist besser, als die Tage nur vor dem Computer oder dem Handy zu verbringen, sich dort den oft kaum zu kontrollierenden erschreckenden Mobbingstrukturen der sozialen Medien auszusetzen und einsam und allein ins depressive Loch der sozialen Isolation zu fallen!

MARIANNE LEUZINGER-BOHLEBER

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